Mittwoch, 26. August 2015

LÄSSIG

Peter Bogdanovich hat es wieder getan. Das was keiner so gut kann wie er: Seine aktuellen Lieblingsschauspieler zusammengetrommelt, gemeinsam mit Louise Stratten ein paar Screwballpappdeckel anstelle eines Plots aneinandergelehnt und gesagt: Das muss jetzt halten. Für 90 Minuten. Wie in „They All Laughed“. Und es hält. Und da ist es natürlich scheißegal, ob es realistisch ist, dass alle in den vermeintlichen Plot Verwickelten „zufällig“ am gleichen Abend auf die gleiche Idee kommen. In einer 12 Millionen Einwohnerstadt ins gleiche italienische Restaurant zu gehen. Weil ich sie dort möglichst schnell wiedersehen will. Weil ich sie vermisse, sobald sie von der Leinwand verschwunden sind: Imogen Poots, Owen Wilson, Kathryn Hahn, Will Forte, Jennifer Aniston, Rhys Ifans, Austin Pendleton, Cybill Shepherd... Die Gesichter, die sie bis zu ihrem endgültigen Verschwinden machen, jedes einzelne davon ist ein Erlebnis. Schön, dass Filme manchmal aus der Zeit fallen.

Franz




p.s.: Coproduziert wurde „She’s Funny That Way“, der zur Zeit unter dem deutschen Verleihtitel „Broadway Therapy“ in den Kinos läuft, übrigens von Noah Baumbach und Wes Anderson, der das tolle Interview mit Bogdanovich gemacht hat, das man in drei Teilen auf Youtube sehen und hören kann. Wann lädt endlich mal jemand Bogdanovich mit seinen Filmen und seinen großartigen Büchern nach Berlin ein?

Donnerstag, 25. Juni 2015

CHRISTIAN PETZOLD: H0


1991 begann ich mich für Modelleisenbahnen zu interessieren. Es gab am Mierendorffplatz eine große Fachhandlung mit weiten, geräumigen Schaufenstern. Davor war die Bushaltestelle und die Wartezeit und der Berliner Winter. Ganz farblos und zugig und kalt. Hinter den Schaufenstern die warme, gelassene, ewigliche Modellwelt der H0-Menschen. In diesem Winter 91/91 änderte sich die Idylle. Junge Menschen, Männer, rissen die Modelllandschaften ab. Wir, die Wartenden, dachten einen langen Moment lang, dass der Laden erledigt sei, dass da jetzt entweder eine Sonnenbank mit 20000 Watt oder ein Café mit Cocktails und Malboroaschenbechern eröffnet wird. 

Aber die jungen Männer gingen ganz behutsam um mit den Modellbauten. Und begannen, eine neue Modelllandschaft zu bauen. Eine, in der es keine Linde gab, um die sich am Abend die kleinen Figuren Pfiefe rauchend treffen. Kein kleiner See und Menschen, die promenieren, im Sonntagsrock. Keine Dampflock, die sich um den Wald, wo die glückliche Köhlersfamilie mit spielenden Kindern und wäschetrocknender Hausfrau lebt und sich gerade den Schweiß aus dem Gesicht wischenden Vater schlängelt. In der neuen Welt änderten sich zuerst einmal die Häusermodelle. Man sah Fachwerkhäuser, die gerade abgerissen wurden. Kinos, aus denen Supermärkte wurden. Man sah ein verunglücktes Kind, einen Notarztwagen und die schreiende Mutter, die von zwei Polizisten zurückgehalten werden musste.

Die jungen Männer änderten die Sujets. Der Alltag und der Unfall zogen in die Welt. Ich stand vor dem Schaufenster, weil es auf meinem Schulweg lag. Ich ging täglich zur Filmakademie in der Pommernallee, am Theodor-Heuss-Platz, früher Adolf-Hitler-Platz, im Rundfunkhaus, das Mendelsohn gebaut hatte. Von Mendelsohn war noch zu spüren das Schiffähnliche, das Offene. Innen war aber schon Goebbels-Architektur. Gegenüber die Stadzwohnung von Goebbels. Darüber 22 Jahre später die Kommune 2.

In der Filmakademie war gerade Syd Fields Time. Der Ruf nach den guten Büchern war angekommen. Der ging von Redakteuren aus, und von den Stadtmagazinen. Drei Akte, fünf Akte. Welches Sternzeichen hat der Protagonist und die Fallhöhe, die man nach oben schrauben musste. Der Mainstream aus den USA sollte nicht einfach kopiert werden. Aber man sollte auch weg von den Franzosen. Da blieb das englische Kino. Ich würde gerne einmal wissen, wie viele Filmwissenschaftler in dieser Zeit über das englische Kino promoviert haben. Verpoptes Boulevardtheater. Der Dominik Graf machte ein Seminar, an dem ich nicht teilnehmen konnte. Nur einmal, an einem Nachmittag, im Kino im 4.Stock. Da erzählte er, dass so auffällig wäre im deutschen Kino, dass da die ganze Arbeit im Bereich der Schärfe liegt. Da spielen die Darsteller den Pacino. Aber drumherum, da ist Leere. Keine Bewegung setzt sich fort. Kein Leben. Keine Fiktion.

FIFA 99. Ich spiele Fifa 99, weil dort Gladbach in der ersten Liga ist. Die Jubelgesten, die Umarmungen, die Verzweiflung des gescheiterten Stürmers. Da wurde gerechnet und gebastelt. Detailgenauigkeit. Aber die Hintergründe, standardisiertes Nichts. Tapeten. In „Lola Montez”, im Zirkuszelt. Der Conferencier Ustinov in der Manege. Die Zuschauer, die nur Hintergrund sind. Die meisten von ihnen gemalt. Pappkameraden. Puppen. Schlecht gemachte Puppen. Aber der Ophüls verbirgt das nicht. Das Öffentliche ist imaginiert. Lola Montez, die kranke Frau und ihre Geschichte in der Manege, interessiert kein Schwein mehr.

Die jungen Leute im Schaufenster des Modelleisenbahnladens, die machten weiter an ihren Modellen. Die gaben sich nicht mit den Szenen der Moderne zufrieden, die sie in die Landschaften der Väter, den idyllischen, ganzen, identischen, einfügten. Irgendwann begannen sie, die rechteckige Sperrholzplatte, die Grundlage der Modellwelt war, zu zerlegen. Man sah nur noch Ausschnitte der Welt. Städte hörten plötzlich am Plattenrand auf und machten im Ausserhalb weiter. Die Bahn fuhr keine Kreise mehr und fasste etwas ein. Sie verschwand jetzt und tauchte woanders wieder auf. Es gab kein Land mehr und keine Stadt. Alles wirkte zersiedelt und komplex.

Man hätte das filmen müssen. Die alte Welt und das Zerlegen. Die Väter und die Söhne. Der junge Geschäftsführer, den ich kennenlernte und der mir von den Kämpfen erzählte, hoch oben auf einem 300 qm Dachboden am Flughafen Tempelhof. Von seinem Vater, dessen Modelllandschaften aussahen wie das Bild, das die Nazis in ihren Kulturfilmen von den neuen, deutschen Siedlungen im Osten entwarfen, in den Köpfen und auf der Leinwand.

Ich bin dann umgezogen. Ein neuer Schulweg. Kein Umsteigen, kein Warten. Linie 1. Kreuzberg. Theodor-Heuss-Platz. Ich hatte angefangen, Drehbücher zu schreiben. Und hier, in diesen Erinnerungen, wollte ich eigentlich berichten über den Moment, wenn man Schauplätze sucht. Die Welt nach dem Buch. Wo man beginnt, die Syd Field Welt zu zerlegen. Nächstes mal.


Petzold, Christian. “H0” Revolver 5 (September 2001): 64–71.




Christian Petzolds POLIZEIRUF 110: KREISE (Bild), der sich ebenfalls für Modelleisenbahnen interessiert, läuft am Sonntag, den 28.06.2015 um 20.15 h im Ersten.

Mittwoch, 24. Juni 2015

REVOLVER LIVE! (45): MIGUEL GOMES


AUF DER SUCHE NACH EINEM FILM
Gespräch mit Miguel Gomes

Sonntag, 28.06.2015

um 19:30 Uhr

im Vortragssaal der Bibliothek, Gasteig

Moderation: Nicolas Wackerbarth, Franz Müller



 
Bereits mit OUR BELOVED MONTH OF AUGUST begab sich der portugiesische Filmemacher auf die Suche nach einem Film. Diesen fand er während eines Sommers im ländlichen Zentralportugal. Hier saß Gomes mittellos mit seinem Filmteam fest. Er beschloss den Geschichten der Dorfbewohner und den Liebeswirren einer Schlager-Band, die Tanzabende bestritt, zu folgen.

Auf die Spitze trieb er dieses offene Konzept mit seinem neusten Film, dem sechsstündigen Werk ARABIAN NIGHTS. Gomes wollte untersuchen welche konkreten Auswirkungen die Austeritätspolitik auf das Leben in Portugal hat. Dafür heuerte er drei Journalisten an, die gemeinsam mit ihm Alltagsgeschichten recherchierten. Das Projekt nahm ein ganzes Jahr in Anspruch. Während dieser ausgedehnten Drehzeit in der Provinz Portugals, schrieb und schnitt Gomes einen dreiteiligen Film, der an drei Abenden auf dem Filmfest München gezeigt wird.

Als Auftakt der Projektionen werden wir mit Miguel Gomes über Abenteuerlust und seine filmischen Experimente sprechen.

Wir freuen uns!

Euer Nicolas und Franz


*
In englischer Sprache
Eintritt ist frei
Gasteig - Vortragssaal der Bibliothek, Rosenheimer Str. 5, 81667 München
Eine Veranstaltung der Filmzeitschrift Revolver in Zusammenarbeit mit dem Filmfest München

*
Screening Termine für ARABIAN NIGHTS:

Arabian Nights: Volume 1, The Restless One (125 Min.) 
Montag, 29.06.2015, 17:00 Uhr
Münchner Freiheit 2
Samstag, 04.07.2015, 14:30 Uhr
Münchner Freiheit 4

Arabian Nights: Volume 2, The Desolate One (132 Min.) 
Dienstag, 30.06.2015, 17:00 Uhr
Münchner Freiheit 2
Samstag, 04.07.2015, 17:00 Uhr
Münchner Freiheit 4

Arabian Nights: Volume 3, The Enchanted One (126 Min.)
Mittwoch, 01.07.2015, 17:00 Uhr
Münchner Freiheit 2
Samstag, 04.07.2015, 19:30 Uhr
Münchner Freiheit 4

Oder auch unter:
www.filmfest-muenchen.de

Montag, 22. Juni 2015

IN EIGENER SACHE: HAPPY HOUR

In einer Woche feiert unser Film HAPPY HOUR seine Premiere auf dem Filmfest München.

HAPPY HOUR

29.6. ARRI Kino, 19.30 Uhr - Premiere

30.6. Münchner Freiheit 1,  17.30 Uhr
1.7. Münchner Freiheit 1, 17.30 Uhr

10.7. Galway Fleadh Film Festival, 18.15 Uhr

Wir freuen uns auf neugierige Zuschauer.
Franz


im Bild: Simon Licht, Mehdi Nebbou und Alexander Hörbe,
Susan Swanton, Christine Deady, Tanya Flynn, Barbara Schwarz, Des Ronan, Terry Kearny, Breeda Murphy, Brendan McCarthy, Carla Voigt, Derin Akyaman, Loic Lopes...

dahinter: Bernhard Keller, Gesa Jäger, Cherilyn Macneil, Andreas Hildebrandt, Siddho Varza, Utta Hagen, Monika Lange, Henry Notroff, Astrid Weber, Angelika Herta, Susanne Ritter, Ulrike Müller, Mieke Ulfig, Andreas Fröhlich, Martin Hossbach, Moritz Müller, Ellen Somnitz, Petra Fassbender, Nico Storch, Mario Loibl, Marius Kurek, Annegret Luitjens, Max Lais, Daniel Erpilev, Lisa Kaiser, Tina Müller, Darko Petkovic, Torsten Zeisig, Liam Kingston, Marie-Laure Haas, Florian Schreibmeier, Peter Ghiea, Barbara Mientus, Boris Dillen, Giovanni Nicoletta, Erik Sunbring, Nicolas and Angela Conway, Niall, Kim Taylor, Brian Wilson, Graham Isaacson, Vincenzo Perrot, Kitty Solaris, Robby Baier, Helene Seidl, Carsten Richter, Jacqueline Kerrin, Dominic Wright, Konrad Schirmer, Frank Tönsmann, Katharina Jakobs, Markéta Polednova, Steve Hudson, Sonja Ewers, Franz Müller...

Mittwoch, 17. Juni 2015

BUENOS AIRES

Wenn es einen Ort gibt, an dem Kino als Volkskunst - oder wem das zu deutsch ist - Folk Art existiert, dann ist das wohl zur Zeit Buenos Aires.

Filme wie die von José Campusano habe ich noch nie gesehen. Er dreht mit Freunden und Menschen, die er dann wiederum über seine Freunde kennenlernt, in der Vorstadt, wo er lebt. An Orten, wo es hart zugeht, wo Codes eine große Rolle spielen. Campusano setzt dem etwas entgegen. Es geht ihm vor allem darum, dass die Menschen gut miteinander umgehen im Leben und in der Arbeit. Herausgekommen ist ein umwerfender Film: Fango.



Ich habe auch noch nie einen Menschen getroffen wie Campusano. Ein blätterloser Baum eher. Ein Wurzelgesicht. Sein Film hat etwas wunderbar animistisches. Brutal auch, aber ohne den Effekt: Cine Bruto. Gleichzeitig so raffiniert wie ein Film von Rohmer. Wir werden versuchen, diesen Film nach Berlin zu holen. Und vielleicht noch andere. Campusano & Co drehen drei Filme im Jahr.



(ein weiteres Beispiel für Nics Reihe „Regisseure und ihre Hauptdarsteller“)

 
El Pampero Cine – fast noch verblüffender, weil eigentlich ein bürgerliches Kollektiv, bestehend aus Agustín Mendilaharzu, Laura Citarella, Alejo Moguillansky und Mariano Llinás, die aber, und das habe ich erst jetzt bei meinem Besuch begriffen, ebenfalls dem gängigen Kino (und damit sind sowohl Mainstream als auch das sogenannte World Cinema gemeint) widersprechen, wo sie nur können. Und nicht nur dem Kino, sondern auch dem Theater, der Performance, dem Tanz, der Musik. Wenn etwas en vogue ist, dann werden sie ganz sicher etwas machen, das sich darüber lustig macht. Dabei haben diese Filme aber auch eine eigenartige Tiefe und - was sie mit der Arbeit von Campusano verbindet - sie sind urargentinisch. Nur haben sie ihre Wurzeln bei besser betuchten Freidenkern, bei Borges, bei argentinischen Surrealisten, Dichtern und Musikern. Nichts belehrendes haben sie, sondern sind frech wie Godard zu seinen besten Zeiten und melancholisch wie Truffaut. Einfach toll, dabei zuzuschauen, wie dieses Kollektiv wächst und wächst und längst auch jüngere Generationen mitnimmt, vormacht, wie man einen viereinhalbstündigen „Historias Extraordinárias“ über vier Jahre an Wochenenden mit Freunden dreht. Dass zu diesen Freunden auch berühmte argentinische Schauspieler und Tänzer und Sänger gehören, ist klar. Denn wer würde nicht mitmachen wollen, bei so einem wild verspielten Spaß.


Dabei scheißen sie auf die üblichen Filmfinaziers (inklusive des INCAA), wie sie sich ausdrücken, drehen ihre Filme für 2 oder 3 Tausend Dollar. Das ist in Argentinien aber auch genau deshalb möglich, weil die Filmförderung eben ganz anders funktioniert. Nämlich so ähnlich, wie die kleine Förderung des Filmbüro NW, der man vor ein paar Jahren einen ähnlich schlimmen Namen verpasst hat wie der Sozialhilfe, nämlich: Förderung Produktion II.
Entscheider sind in den argentinischen Fördergremien immer auch Filmemacher. Es kommt häufig vor, dass Filmemacher ihren Film drehen und danach erst Förderung beantragen. Es ist aber auch möglich, einen Antrag zu stellen, der aus 10 Seiten Voice Over besteht. Der Film, der dabei herausgekommen ist, heißt Balneários von Mariano Llinás. Sein erster Film. Dass man in Argentinien keine Regionaleffekte erfüllen muss, versteht sich von selbst. Alles Dinge, die für die Novellierung des Filmfördergesetzes interessant wären. Denn die argentinische Filmlandschaft ist in alle Himmelsrichtungen lebendig und vital und verkauft sich aus diesem Grund erstaunlich gut.

Einen wollte ich noch erwähnen, weil er zu den Leuten gehört, die sich gut im „World Cinema“ zurecht finden und darin auch zu Recht ihren Platz haben:
Die Begegnung mit Lisandro Alonso und seinem Film Fantasma. In dem Film sucht der Hauptdarsteller seines zweiten Films („Los muertos“) in dem modernistischen, aber heruntergekommenen und, abgesehen von ein paar gespensterhaften Gestalten (Vorführer, Kinoleiter, ein anderer Schauspieler (aus „La libertad“)), menschenleeren Teatro San Martin den Kinosaal, in dem „Los Muertos“ aufgeführt wird, um dann dort zunächst als einziger Zuschauer sich selbst auf der Leinwand zuzusehen. Fantasma wurde im Teatro San Martín gedreht, dort, wo unsere deutsch-argentinische Reihe und damit auch Fantasma gezeigt wurde! (Vielleicht kann der ein oder die andere sich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als ich in der spärlich besuchten Nachmittagsvorstellung saß und dabei mir (und dem Protagonisten auf der Leinwand zusah, (der seinerseits sich selbst auf der Leinwand zusah)): Kris Kelvin irrt über die Raumstation Solaris und begegnet Flann O’Briens drittem Polizisten.) Nichts als Erinnerungen. Das Ende einer Filmabspielform.

 

Und ganz am Schluss noch eine Vorankündigung, weil ich Martín Rejtman auch kurz getroffen habe nach der Vorführung von „Der Wald vor lauter Bäumen.“ Sein neuer Film „Dos Disparos“, über den ich viel gehört habe, läuft auf dem Filmfest München, aber auch open air am 5. Juli im MAK in Köln und am 8. Juli um 19.45 Uhr in Berlin fsk in Kreuzberg. 

Abrazo de Buenos Aires * Franz

HARRY TROUT


Am Montag ist Harry Rowohlt gestorben. Seinen Übersetzungen verdanke ich meine Liebe zu den Büchern Kurt Vonneguts, die ich erst später im Original gelesen habe.
Sein Klappentext für „Zeitbeben“ war es auch, der meinen Vater verleitete, mir meinen ersten Vonnegut Roman zu schenken: 
"Wenn Sie Ihre Eltern wirklich kränken wollen und nicht den Nerv haben, homosexuell zu werden, könnten Sie wenigstens eine künstlerische Laufbahn einschlagen."


Lang leben diese beiden guten Geister! Hi-ho!

(franz)

Montag, 1. Juni 2015

REVOLVER in Buenos Aires

REVOLVER Buenos Aires
Deutsch-argentinische Film-Wahlverwandschaften


Mein Stern

Die Filmreihe REVOLVER Buenos Aires - Deutsch-argentinische Film-Wahlverwandschaften präsentiert eine Auswahl von Filmen, die untereinander einen scharfsinnigen und gleichzeitig spielerischen Dialog aufnehmen, sich zum Teil widersprechen, zum Teil fortsetzen. Das Programm besteht aus Filmen, die mehrheitlich ab den 90er Jahren produziert wurden, einer Zeit wichtiger Veränderungen in beiden Ländern. In Argentinien entstand ein neues Kino inspiriert von den wiedergewonnenen Freiheiten nach der Rückkehr der Demokratie aber auch durch eine junge Generation von Filmemachern, die in neugegründeten Filmhochschulen einen radikalen Wechsel in der Auffassung und Produktionsform ihrer Filme anstrebten. In Deutschland wurde der Tod Rainer Werner Fassbinders gemeinhin mit dem Ende des Neuen Deutschen Films gleichgesetzt. Das Privatfernsehen setzte sich durch und Autorenfilmer hatten immer größere Schwierigkeiten, ihre Filme zu finanzieren. Es waren neue Utopien gefragt, in Argentinien die eines neuen und freieren Kinos; in Deutschland eine Alternative zu einem Kino der (Fernseh-)Großproduktionen. Wie entwickelten sich in der Folge die beiden Kinematographien? Welche ästhetischen, politischen und sozialen Kräfte wurden daraus gezogen?

Am 11. Juni beginnt die Filmreihe, Franz Müller wird die Double Features in Buenos Aires vorstellen. Alle Termine und die spanischen Texte gibt es hier. Das Programm umfasst die folgenden Filme:


Fango (2012) José Celestino Campusano & Jesus Christus Erlöser (2008) Peter Geyer

La vida por Perón (2005) Sergio Bellotti & Sie haben Knut (2003) Stefan Krohmer

Fantasma (2006) Lisandro Alonso & Winter Adé (1987/88) Helke Misselwitz


Balnearios (2002) Mariano Llinás & Leben BRD (1990) Harun Farocki 


Bolivia (2001) Adrián Caetano & Der Wald vor lauter Bäumen (2003) Maren Ade

La niña santa (2004) Lucrecia Martel & Totem (2011) Jessica Krummacher 


Tan de repente (2002) Diego Lerman & Mein Stern (2001) Valeska Grisebach


Tierra de los padres (2011) Nicolás Prividera & The Halfmoon Files (2007) Philip Scheffner


Rapado (1992) Martín Rejtman & Alle Zeit der Welt (1998) Matl Findel


Viola (2012) Matías Piñeiro & Die Freunde der Freunde (2002) Dominik Graf

Viola

Fango + Jesus Christus Erlöser
Gesucht wird Jesus Christus. So beginnt der Monolog, den Klaus Kinski 1971 in einer zähen Schlammschlacht einem besserwisserischen Spaß-Event-Publikum entgegenschleudert und den er am Ende nach mehreren gescheiterten Versuchen einer kleinen Jüngerschar ganz ohne Mikrofon und ohne Bühne zärtlich erschöpft ans Herz legt. In Fango ist es umgekehrt. Das anarchische Musikerleben und die damit einhergehende freie Liebe, die der „Wizard“ sich in seinem Viertel über Jahrzehnte aufgebaut hat, löst eine verhängnisvolle Kettenreaktion unter den Einfältigen aus. Die Utopie mündet in einen tödlichen Gewaltexzess, und am Ende ist klar: Jesus Christus existiert nicht. Da kann man suchen, so lange man will. Es ist nicht nur die wilde, weiße Mähne der beiden Jesus-ähnlichen Protagonisten, die die beiden Filme seltsam zusammenrückt. Hier kämpfen zwei Rock’nRoller einen letzten aussichtslosen Kampf für die Freiheit des Herzens, des Geistes und der Liebe gegen alles, was sich dem entgegenstellt. Ein Kampf der Träumer gegen die Dumpfheit der Mehrheit. Die Botschaft der Liebe, die in Hass umschlägt. Aber in beiden Geschichten erleben wir auch die Überheblichkeit der Jesusfigur, das Zu-viel-verlangen von den anderen: zu viel Mut, zu viel Intelligenz, zu viel Liebe. Obwohl von allem zu wenig da ist. In keinem Film wird die historische Figur Jesus Christus so lebendig wie in dem brilliant geschnittenen Material von Kinskis schillernder Performance. Während Kinski in einer Art Jesus Metal seine Widersacher auf die Bühne ruft, um ihnen dann das Mikro zu entreißen und sie – völlig zu Recht – anzuschreien, dass sie nichts zu sagen hätten, muss der „Wizard“ eher passiv mit ansehen, wie sein schönes Paradies der freien Liebe vor seinen Augen zu Schutt und Asche massakriert wird. Er, der eigentlich nichts anderes vorhatte, als zusammen mit anderen Musikern noch mal musikalisches Neuland zu betreten und den Tango mit dem Rock’nRoll zu verschmelzen, muss am Ende all das aufgeben, woran er geglaubt hat und selbst zur Gewalt greifen. Auch Fango könnte ein Bühnenstück sein, und das Nicht-auf-realistische-Inszenierung-wert legen, ist vielleicht der größte Trumpf des Films und gibt ihm eine seltsame Universalität. Ein Mysterium.
Franz Müller


La vida por Perón + Sie haben Knut

Zwei Kammerspiele: Das eine auf einer Skihütte in den Bergen, eine Art Auszeit eines sich in Gesprächen verzettelnden Kollektivs, das andere mitten in Buenos Aires in einem Wohnhaus unter dem Zeitdruck eines politischen Coups, perfekt geplant von einer hierarchisch organisierten Untergrundbewegung. In beiden Filmen geht es um die Emanzipation des Einzelnen von der Gruppe, die in beiden Fällen eine politische Widerstandsgruppe ist. Deren „ernstes“ Anliegen wird in beiden Filmen ad absurdum geführt. Und womit könnte man das besser machen, als mit der Distanz, die Humor ermöglicht? Während der Humor bei Krohmer leise und ironisch, zuweilen misanthrop ist, erzählt Bellotti ganz humanistisch am Rande des Makabren, aber immer so, dass die Erzählung nicht in die Farce kippt. Und dass das nicht geschieht, ist schon ein Wunder. Denn die Behauptung ist enorm: Ein junger Widerstandskämpfer wird mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Anführer den Leichnam seines gerade verstorbenen Vaters gegen den Leichnam von General Perón austauschen wollen, um diesen zu entführen. Wer bitte, soll das eigentlich glauben? Behauptungen im Kino sind etwas Schönes. Das Missing Link. Der Leichnam von Perón, den wir natürlich nie zu sehen bekommen. In Krohmers Film ist das der titelgebende Knut. Sie haben Knut! Der Pathos dieser Dringlichkeitsmeldung von Wolfgang, gespielt vom Drehbuchautor Daniel Nocke, ist schon zum Lachen. Weil er versucht, Macht und Kontrolle durch Ernsthaftigkeit zu demonstrieren. Und die Schiefheit der Sprache der Macht ist immer komisch, wenn man aus dem Spiel der Macht hinaustritt und sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. In Krohmers Film ist das der Blickwinkel von heute auf ein Lebensgefühl der 80er Jahre. Auch in Bellottis Film hilft das historische Setting. Mit Realismus haben beide Filme nichts am Hut. Umso wahrhaftiger sind sie dadurch.
Franz Müller


Fantasma + Winter Adé

Auf den ersten Blick scheint es, dass Fantasma und Winter Adé keinerlei Gemeinsamkeit aufweisen, als seien sie Planeten, die sich in vollkommen unterschiedlichen und weit entfernten Galaxien bewegen. Lisandro Alonsos Film ist in Farbe, der von Helke Misselwitz in einem rigorosen Schwarz-Weiß gedreht. Der eine besteht fast ausschließlich aus Geräuschen und Stille, während der andere den Worten nicht nur vertraut, sondern sie geradezu darbietet in einem so entscheidenden Augenblick, in dem es in der ehemaligen DDR kurz vor dem Mauerfall dringend notwendig erschien, einer Fülle von mundtot gemachten Ideen und Gefühlen eine Stimme zu verleihen. Ein Film erzählt von einsamen und abgesonderten Männern, der andere von Frauen als Gemeinschaft, die sich anscheinend enorm viel zu sagen haben, obwohl sie sich gar nicht kennen. Schließlich handelt es sich bei Alonsos Film um einen statischen Film mit Standbildaufnahmen, der an einem einzigen, geschlossenen, ja sogar erdrückenden Ort gedreht wurde. Bei Misselwitz ist alles in Bewegung, alles bewegt sich ständig auf Schienen in einem Gebiet, das sich der Welt zu öffnen scheint. Und trotz aller Unterschiede und Kontraste scheint in Fantasma und Winter Adé ein gemeinsames Echo nachzuhallen, so etwas wie eine Ahnung von einem Ende der Zeiten. In dem deutschen Film ist dies viel klarer und transparenter: in der gleichen Stadt, in der ein Jahr später der Funke zündete, der letztendlich der Teilung in zwei deutsche Länder ein Ende setzte, wurde Winter Adé 1988 (nicht ohne Kontroversen) auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival uraufgeführt und sagte im Grunde die Auflösung eines Landes und eines Systems vorher. In Alonsos Film ist dies alles verdeckt, mysteriös, aber man spürt ebenfalls die Idee eines Endes, in diesem Fall das Ende einer Auffassung von Kultur, die in der Institution des Theaters San Martin verkörpert und von Anfang an mit einem symbolischen Wert belegt wurde, der langsam verloren ging. In gewisser Weise sind die desolaten Bilder von Fantasma – das fast leere Programmkino Sala Lugones, die schrecklichen Flure, das Personal, das wie Zombies wirkt – ein Alptraum, der immer wieder Wirklichkeit wird.
Luciano Monteagudo


Balnearios + Leben BRD

Eine Komödie von Harun Farocki? Ist das möglich? Vielleicht war das nicht die Absicht des Regisseurs von Nicht löschbares Feuer. Sein ironischer Blick auf das Alltagsleben der Deutschen und der allen dargestellten Situationen inhärente, absurde Humor lassen keinen anderen Schluss zu, als dass es sich bei Leben BRD um eine Komödie handelt. Obwohl Farocki in Argentinien sehr bekannt ist, wurde der Film hier unverständlicherweise noch nie gezeigt. Obwohl Mariano Llinás in seinem ersten Langfilm Balnerios mit ganz anderen Themen und Realitäten arbeitet, taucht der Zusammenhang zwischen beiden Filmen ganz spontan auf. Beide Filme halten sich weder an die Konventionen des Dokumentarfilms noch an die Ansprüche des Filmessays. Sie offenbaren sich als Fremdkörper, Einzelfälle, jenseits aller Normen. Beide werfen einen zwischen Distanz und Überheblichkeit angesiedelten Blick auf ihr Studienobjekt; ihre Fähigkeit zur Ironie, ihre sarkastische Kraft, ihr paradoxer, manchmal sogar übermütiger Humor spricht sie jedoch wieder frei von dieser hochmütigen Haltung. Der Humor in beiden Filmen funktioniert mit der Anhäufung von Beispielen, die eine Art von Paradox herausbilden: in Balnearios sind es die Rituale am sommerlichen Strand (wo die Touristen lange und vergebliche Spaziergänge machen) oder die Figuren, die die komplette Strandortfauna repräsentieren; bei Farocki die Unterweisungen für alle und jede einzelne Tätigkeit des Alltagslebens. Das Ergebnis sind zwei übereinstimmende Blicke auf die häufigsten und banalsten Zeremonien in zwei vollkommen unterschiedlichen Gesellschaften, in denen die Gleichförmigkeit und Homogenität der Handlungen des gesellschaftlichen Lebens systematisch reguliert werden.
Luciano Monteagudo


Bolivia + Der Wald vor lauter Bäumen

Bolivia und Der Wald vor lauter Bäumen sind „Immigration Cinema“, wenn man so will. Aber anders als die vielen Exploitation Filme zum Thema Immigration, mit denen Europa und Nordamerika seit einigen Jahren überschwemmt werden und die inzwischen fast ein eigenes Genre bilden - das die Immigranten beim besten Willen nicht verdient haben - sind diese beiden Filme ganz gerade Erzählungen über die fürchterlichen ökonomischen Zusammenhänge und Kreisläufe unserer Welt – Früchte des Zorns, Früchte der Einsamkeit. In Caetanos Film geht es um die tatsächliche wirtschaftliche Ökonomie des nackten Überlebens, in Ades Film macht der Zuschauer Bekanntschaft mit sozialen und emotionalen Ökonomien und den daraus resultierenden Zwangsmustern. Je mehr Melanie Pröschle (Eva Löbau) von ihren Mitmenschen will, desto mehr ziehen diese sich zurück. Es ist furchtbar dabei zuzusehen. Ein Horrorfilm. Das gilt auch für das Miterleben von Freddy Flores’ Versuchen, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen. Es sind die Kreisläufe, die das ganze Ausmaß des Horrors vor Augen führen: Man leidet mit, wie sich die vermeintlich neu gewonnene Freundin in Der Wald vor lauter Bäumen von der Hauptfigur zurückzieht, muss aber später mit ansehen, wie Melanie genau die gleiche perfide Praxis anwendet, als ein Arbeitskollege Kontakt zu ihr aufnehmen will. Ähnlich ergeht es einem mit Freddy, der in der Bar, in der er arbeitet, gezwungen wird, schlafende Gäste zu wecken und auf die Straße zu schicken, wenn sie nichts konsumieren wollen. Er selbst gibt eines Abends einen Teil seines lächerlichen Salärs nach Feierabend in einer anderen Bar aus. Und schläft ein. In der Welt dieser Einzelkämpfer müssen Menschen immer aufpassen, immer darauf achten, wie komme ich rüber, wie schätzen die anderen mich ein, was darf ich auf keinen Fall tun, wie kann ich punkten, und genau das macht beide Filme so modern und zeitlos. Es sind ja oft die Erstlingsfilme, die diese Klarheit haben, den unverstellten Blick, den Zorn, das Aushalten, das Mitgefühl. Da ist kein Anbiedern beim Publikum. Da ist kein Entkommen. Allein das Ende von Ades Film ist in seiner Überhöhung ein Lichtblick so, wie die anfängliche Fußballsequenz in Caetanos Film dem Zuschauer den Hauch Distanz einräumt, den er braucht, um den Film auszuhalten.
Franz Müller


La niña santa + Totem

Von den Abgründen der kleinbürgerlichen Existenz erzählt Jessica Krummacher in ihrem Spielfilmdebüt Totem. Durch die Augen eines jungen Hausmädchens blicken wir tief in das Leben einer Familie, in der jegliche Form von Kommunikation zusammengebrochen scheint. Was auf den ersten Blick wie ein weiteres Stück sozialrealistisches Kino erscheint, wandelt sich schnell in ein beunruhigendes Kammerspiel, das durch einen dezentem Humor und ein feines Gespür für absurde Momente besticht. Die dichten grünen Hecken und Wälder, die die Vorortshäuser umschließen, erzeugen eine geradezu klaustrophobische Enge, aus der es kein Entrinnen gibt.
Eine nicht minder kammerspielartige und enigmatische Atmosphäre durchdringt ebenfalls Lucrecia Martels zweiten Film La niña santa. Wie der anonyme Vorort in Totem fungiert auch hier der Schauplatz als eine Art geschlossene Gesellschaft, dessen Ruhe von zwei Querschlägern empfindlich gestört: Dort die junge Haushaltshilfe, hier eine Gruppe Ärzte. Zwar tun sich auch bei La niña santa allerlei Abgründe auf, doch klaffen diese nicht so weit auf wie in Krummachers Film. Das Hotel verwandelt sich vielmehr für die junge Protagonistin in eine Art Wunderland, als ein Ärzte-Kongress dort stattfindet und ihr religiös geprägtes Leben auf die kühle Rationalität der Wissenschaft trifft.

Hannes Brühwiler


Tan de repente + Mein Stern

Zwei Lektionen in aufregendem Erzählen: In Diego Lermans Spielfilmdebüt Tan de repente wird eine junge Verkäuferin aus ihrem vertraut langweiligen Leben in Buenos Aires herausgerissen. Sie lässt sich von zwei Frauen entführen und gemeinsam brechen sie zum Meer auf. In Mein Stern erzählt Valeska Grisebach von der Liebe zweier Teenager in Berlin. Es sind zwei Schlüsselfilme der jüngeren argentinischen, respektive deutschen Filmgeschichte, die sich formal sehr unterscheiden. Das melancholische Schwarzweiß in Tan de repente erinnert an das US-amerikanische Independent-Kino oder an die Schule der Straßenfotografie. Die große Leichtigkeit, mit der Lerman seine Erzählung ausstattet, weicht in Grisebachs Debütfilm einer Form, die konzentrierter und reduzierter ist und zuweilen an das Kino von Eric Rohmer denken lässt. Die Liebe der beiden Jugendlichen und deren Vorstellungen, wie eine solche auszusehen hat, bündeln sich in Momenten, die zuweilen die Grenzen der Leinwand sprengen und den Zuschauer bis ins Mark treffen. Lerman bezeichnete seinen Film zurecht als eine Abenteuergeschichte. Auch Mein Stern könnte man so umschreiben. In diesen beiden außergewöhnlichen Filmen begeben sich die Menschen in ein Abenteuer und ergründen dabei die vorgeschriebenen Rollen, die ihnen durch die Gesellschaft vermittelt werden.
Hannes Brühwiler


Tierra de los Padres +The Halfmoon Files

Der argentinische Film spielt fast vollständig auf einem Friedhof, der deutsche Filme beschäftigt sich mit einem wertvollen und vergessenen Archiv. In beiden herrscht Ruhe, innere Sammlung und vor allem Stille. Aber sowohl Tierra de los Padres als auch The Halfmoon Files teilen eine seltene Tugend: sie lassen Tote sprechen, beschwören die Geister der Vergangenheit herauf und stellen Fragen an die Gegenwart.Der Film von Nicolás Prividera zeigt die argentinische Geschichte als ein ständiges Schlachtfeld, auf dem die Toten keine Ruhe finden und noch aus den Gräbern sprechen; ihre Ideen verflechten sich, als seien sie Schwerter. Philip Scheffners Film bezieht sich auch auf einen Kriegsschauplatz, in diesem Fall auf den Ersten Weltkrieg, in dem es, wie in jedem Kampf, Sieger und Verlierer gibt. Mit einer Ausnahme: der unsichtbare Protagonist seines Films ist ein Kriegsgefangener, ein aus Indien stammender Soldat, der in Deutschland, weit entfernt von seiner Heimat, in ein Lager gesperrt ist. Über eine prekäre Tonaufnahme spricht er noch heute. Und seine Stimme – kolonisiert wie sein Land und sein Körper, als Material für ein anthropologisches Experiment genutzt – erreicht und erschüttert uns in der Gegenwart mit den Fragen, die sie aufwirft.Es ist ungewöhnlich zwei Filme zu finden, die so politisch und gleichzeitig so aktuell mit historischem Material umgehen. Das ist der seltsame Fall von Tierra de los Padres und The Halfmoon Files.
Luciano Monteagudo

 
Rapado + Alle Zeit der Welt
Die Paarung der Filme von Rejtman und Findel ist wahrscheinlich die widerspenstigste in diesem Programm. Alle Zeit der Welt und Rapado erzählen von Müßiggängern, von Slackern. Menschen auf der Suche in Berlin und Buenos Aires in einer seltsam mysteriös verfremdeten Welt. Während die Menschen in Rapado sich verlieren, ist Findels Blick optimistischer und eher der eines Oblomov, der sich die Welt ansieht und die Komödie darin zu erkennen glaubt: Wenn man nur lange genug wartet, wird sich schon alles fügen. Im Grunde sind sich die Filme so fremd wie Antonioni und Fellini, und man hätte Rapado stimmiger mit einem frühen Film der Berliner Schule kombinieren können. Das Glück meiner Schwester von Angela Schanelec beispielsweise oder Dealer von Thomas Arslan. Wir haben uns für Alle Zeit der Welt entschieden, weil er keine Schule gemacht hat. Es ist eine interessante Überlegung, was passiert wäre, wenn Findels Film wie der von Rejtman Nachahmer gefunden hätte, eine filmische Bewegung mit begründet hätte. Dass das nicht geschehen ist, hat damit zu tun, dass Kino in Deutschland aufgrund der Finanzierungsstruktur eine Staatskunst ist. Eine Komödie wie die von Findel, die sich aus einem Überfluss von Ideen speist, war aber noch nie staatstragend, weil sie Alternativen bietet zur herrschenden Weltsicht. Und so bleibt der Film ein Solitär, so wie es Rejtmans Film für kurze Zeit war, bevor sich aus dem „weniger ist mehr“ eine argentinische Nouvelle Vague entwickelt hat (ähnlich wie sie in Deutschland mit der Berliner Schule ein paar Jahre später entstanden ist). Diese Paarung ist sicher auch eine Battle der Haltungen. Bei allen Gemeinsamkeiten wie der Ruhe und Lässigkeit der Erzählung, der charmant altmodischen filmischen Sprache, der anrührenden Lächerlichkeit der Hauptfiguren, es bleibt ein Missklang. Und trotzdem könnte die Hauptdarstellerin aus Findels Film jederzeit dem Hauptdarsteller aus Rejtmans Film mit auf den Weg geben: Jesus! Du hast aber auch wirklich gar nichts kapiert!
Franz Müller


Viola + Die Freunde der Freunde

Dominik Graf adaptiert eine Erzählung von Henry James, Matiás Piñeiro interpretiert Szenen aus dem Werk von Shakespeare. So unterschiedlich Die Freunde der Freunde und Viola auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mögen, im Kern verbindet die beiden Literaturverfilmungen eine große Freude und Leichtigkeit, mit der sie die ursprünglichen Texte interpretieren und in die Gegenwart übersetzen. Eine Leichtigkeit, die sich nicht zuletzt auch in der Form niederschlägt: das Geisterhafte der Erzählung wird von Dominik Graf in eine brüchige digitale Ästhetik übersetzt und man merkt dem Film die Freude des Regisseurs an, mit den neuen digitalen Videokameras zu arbeiten. Viola dagegen erzählt zwar keine Geistergeschichte, doch die diversen Wiederholungen und Variationen, die Piñeiro in die Erzählung einflechtet, rücken den Film in eine nicht minder traumartige Atmosphäre. Damit erschließt sich uns eine weitere Gemeinsamkeit: Beide Filmemacher verorten ihre Filme nicht primär in der Realität, sondern schaffen zwei außergewöhnliche Werke, die fest im Land der Fiktion angesiedelt ist.
Hannes Brühwiler



Dienstag, 26. Mai 2015

'DER KLEINE PRINZ' VON KONRAD WOLF

DEMNÄCHST IN DER BROTFABRIK
NICHT NUR FÜR KINDER: 




DER KLEINE PRINZ
DDR 1966 - 77 Minuten - R: Konrad Wolf - B: Angel Wagenstein, nach dem Roman von Antoine de Saint-Exupéry - K: Günter Marczinkowsky - mit Christel Bodenstein, Eberhard Esche, Inge Keller, Klaus Piontek

Konrad Wolfs Adaption von Exupérys berühmten Kinderbuch, lange Jahre aus Rechtegründen unsichtbar, endlich zu entdecken.


Am Sonntag, den 14. Juni, um 16 h und 18 h, im Kino in der Brotfabrik.

„Der kleine Prinz erzählt einem Piloten, der mitten in der Wüste abgestürzt ist, von seinen Erlebnissen auf anderen Planeten und von seiner Einsamkeit. Streng stilisierter, in Kulissenlandschaften inszenierter Film, mit dem sich Konrad Wolf auf die Spuren eines existentialistischen Klassikers begibt und zu einer dichten, von ausgezeichneten Darstellern getragenen Annäherung findet. Stilistisch ein Ausnahmewerk im Schaffen des Regisseurs, thematisch ein spannender Epilog zum ‚Geteilten Himmel’ (1964).“ (Lexikon des internationalen Films) 


Eine Gemeinschaftsveranstaltung des Kinos in der Brotfabrik mit dem Deutschen Rundfunkarchiv und der DEFA-Stiftung.


Mehr zur Entstehung des Films:
www.dra.de/online/dokument/2015/dok2015-1.html


(Dieser Post, weil ich – als Verehrer der Filme von Konrad Wolf – „inspirativ” an der Programmierung beteiligt war. Christoph)

Samstag, 25. April 2015

REVOLVER LIVE! (44): MARLEN CHUZIJEW





Der russische Filmemacher Chuzijew, gebürtig aus Tiflis, geht auf die Neunzig zu und sein Werk bleibt in Deutschland zu entdecken. Bekannt geworden ist er in den 1960 Jahren als Tauwetter-Regisseur, als Künstler, der sich erlaubt hat westliche Einflüsse aufzunehmen.

Sein bekanntester Film MNJE DVADZAT LJET (ICH BIN ZWANZIG, 1965) ist eine elegante, zarte und philosophische Hommage an die Bewohner der Stadt Moskau und ihrer geliebten Metropole. Es geht um die Jugend, ihre Ideale, ihr Erwachsenwerden im Sozialismus, dessen Grenzen erforschend. Lakonische Gespräche zwischen den Generationen stehen im Zentrum. Was soll man tun? Wie leben? Stets in Gedenken an den "Grossen Vaterländischen Krieg" in dem die Väter dieser Generation im Kampf gegen Nazi-Deutschland ihr Leben verloren. 
Dokumentarisches Material wichtiger Künstler der Sowjetunion ist in die Fiktion eingewoben, wie eine riesige Dichterlesung an der Universität mit Bella Achmadulina, Bulat Okudschawa, Robert Roschdestwenskij und Jewgeni Jewtuschenko. In einer Partyszene spielt neben Andrej Kontschalowskij Andrej Tarkowskij einen vorlauten Witzemacher.

Die Slawistin und Fimhistorikerin Barbara Wurm hat Marlen Chuzijew für das goEast Festival in Wiesbaden nach Deutschland eingeladen. Dort wird er mit einer Hommage bedacht, die das Arsenal für Berlin wiederholt. Ich freue mich sehr mein Gespräch mit Chuzijew, den ich kurz auf dem Moskauer Filmfest im letzten Jahr gesprochen hatte, in Berlin weiterzuführen.

Gemeinsam mit Barbara werden wir mit dem Regisseur über sein Werk sprechen. Seine Zusammenarbeit mit der hochbegabten Kamerafrau Margareta Pilichina für MNJE DVADZAT LJET (Ich bin zwanzig, 1965), die Entdeckung Moskaus durch die Dreharbeiten und die Kürzungsauflagen, die Chuzijew an seinem Film durchführen musste, der erst 1989 in seiner ursprünglichen Form ins Kino kam. Es geht auch um die Dreharbeiten zu BYL MESJAZ MAJ, einem Antikriegsfilm, der dokumentarisches Material mit Fiktionalem mischt. Kurz vor dem 9. Mai 2015, dem russischen "Tage des Sieges", der sich dieses Jahr zum siebzigsten Mal jährt, können wir mit einem Künstler sprechen, der nicht nur den Krieg selbst, sondern alle Etappen der Erinnerung an ihn miterlebt und gestaltet hat.

Wir freuen uns!


Saskia Walker



Marlen Chuzijew (*1925) im Gespräch mit Barbara Wurm und Saskia Walker

Samstag, 2. Mai 2015

21 Uhr

Kino Arsenal 1, Institut für Film und Videokunst  (Postdamer Strasse 2, 10785 Berlin)


Vorab Filmaufführung:

BYL MESJAZ MAJ (Es war im Monat Mai, 1970)

19 Uhr

Kino Arsenal 1 



Das Kino Arsenal zeigt zur Eröffnung der Filmreihe, in Anwesenheit von Marlen Chuzijew, vorgestellt von Barbara Wurm am

FR 1. Mai 2015 um 19 Uhr MNJE DVADZAT LJET

es folgen:

So 3.5., 19.30h
WESNA NA SARETSCHNOI ULIZE  (Frühling in der Saretschnaja-Straße, UdSSR 1956)

Mo 4.5., 20h
DWA FJODORA (Die beiden Fjodors, UdSSR 1958)

Di 5.5., 20h
IJULSKI DOSHD  (Juliregen, UdSSR 1966) - Die Fortführung von MNJE DVADZAT LJET (Ich bin zwanzig, 1965)

Mi 6.5., 20h
POSLESLOWIJE  (Das Nachwort, UdSSR 1983)

Do 7.5., 19h
BESKONETSCHNOST  (Infinitas, UdSSR 1991)


(Saskia Walker)


Samstag, 7. März 2015

REVOLVER LIVE! (43): SERGEI LOZNITSA - FACING HISTORY


Von der „Vergangenheitsbewältigung” hierzulande wird oft behauptet, sie sei vorbildlich und einmalig. Sieht man einmal nur auf die Spielfilme, die in Deutschland zum Thema NS-Diktatur entstanden sind, kommt man zu einem anderen Schluss. Die stärkste Tendenz könnte man als Romantisierung der Ausnahme beschreiben. Besonders populär sind Geschichten, die den Krieg als "Schicksal" zu beschreiben, in dem alle Opfer sind. Filme die versuchen, die deutschen Verbrechen direkt zu adressieren, sind einsame Ausnahmen. 

Sergei Loznitsa, der seit 2001 in Deutschland lebt, hat sich in seinen Dokumentar- („Blockade”, „Die Vorstellung”, „Maidan") und Spielfilmen („Im Nebel”) immer wieder mit Geschichte konfrontiert. Die Vergangenheit ist für ihn „keine Schatztruhe, aus der man sich bedienen kann” sondern „Bedingung unserer Gegenwart”, die es zu verstehen gelte.

Anhand von Ausschnitten aus seinen eigenen Filmen und ausgewählten Beispielen aus der Filmgeschichte möchte ich mit ihm über die Frage diskutieren, wie man Geschichte erzählen, zeigen, filmen kann, ohne in die Fallstricke melodramatischer Personalisierung zu geraten und warum es „ohne Distanz kein Verständnis” geben kann, wie Loznitsa immer wieder betont.

Ziel ist ein offener Diskurs. Alle Filminteressierten sich herzlich eingeladen.

Ich freue mich


Christoph Hochhäusler

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SERGEI LOZNITSA – FACING HISTORY

Der Regisseur Sergei Loznitsa im Gespräch mit Christoph Hochhäusler. Mit Videobeispielen.

Am Dienstag, den 17. März 2015 um 20 h im Roten Salon der Volksbühne Berlin.

Das Gespräch wird auf Deutsch und Russisch stattfinden. Dolmetscherin: Olga Radetzkaja.

Tickets kosten 8,- Euro bzw. 6,- Euro (ermäßigt). 

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DER GAST:

Sergei Loznitsa
Geb 1964 in Baranawitschy in Weißrussland (damals Teil der UdSSR). Autor und Regisseur. Aufgewachsen größtenteils in Kiew, lebt er seit 2001 in Deutschland. Studium: Angewandte Mathematik am Polytechnischen Institut (KPI), Kiew; Filmregie an der Filmhochschule WGIK, Moskau. Filme (Auswahl): „Heute bauen wir ein Haus” (Сегодня мы построим дом, Dok. Kurzfilm, 1997), „Leben, Herbst” (Жизнь, осень, Dok. Kurzfilm, 1999), „Haltepunkt” (Полустанок, Dok. Kurzfilm 2000), „Die Siedlung” (Поселение, Dok. Langfilm, 2001), „Porträt” (Портрет, Dok. Kurzfilm, 2002), „Landschaft” (Пейзаж, Dok. Langfilm, 2003), „Die Fabrik” (Фабрика, Dok. Kurzfilm, 2004), „Blockade” (Блокада, Kurzfilm, 2005), „Artel” (Артель, Dok. Kurzfilm, 2006), „Die Vorstellung” (Представление, Dok. Langfilm, 2008), „Nordlicht” (Северный свет, Dok. Kurzfilm, 2008), „Mein Glück” (Счастье моё, Spielfilm, 2010), „Im Nebel” (В тумане, Spielfilm, 2012), „Der Brief” (Письмо, Dok. Kurzfilm, 2012), „Maidan” (Мaйдaн, Dok. Langfilm, 2014). In Vorbereitung: „Babi Yar”.


DER MODERATOR:

Christoph Hochhäusler Geb. 1972 in München. Autor, Regisseur. Revolver-Gründer und Mitherausgeber. Studium: Architektur an der TU, Berlin; Filmregie an der HFF, München. Filme (Auswahl): „Milchwald“ (2003), „Falscher Bekenner“ (2005), „Séance“ (Kurzfilm, Teil des Omnibusfilmes „Deutschland ’09“), „Unter Dir die Stadt“ (2010), „Eine Minute Dunkel“ (Teil der Trilogie „Dreileben“, zus. m. Christian Petzold und Dominik Graf, 2011), „Die Lügen der Sieger“ (2014).

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