Donnerstag, 17. März 2011

THE END

Das Prinzip der Steigerung ist ein mühsames Geschäft - zumal wenn es um Dramaturgie geht. Blickt man auf die populärsten Hollywoodfilme der letzten Jahre, kann man grob vier Strategien ausmachen: 


1) „Super”, d.h. Helden oder Feinde zu behaupten, die paranormale Fähigkeiten haben (MATRIX, SPIDERMAN, X-MEN, TWILIGHT) und so die Handlungsmöglichkeiten beliebig erweitern. 
2) „Desaster”, d.h. einen grundsätzlich denkbaren Ausnahmezustand (ARMAGEDDON, THE DAY AFTER TOMORROW, 2012) zu benutzen, um die übliche Ereignisökonomie außer Kraft zu setzen. 
3) „Mindfuck”, d.h. mit Strukturspielen (PULP FICTION, FIGHT CLUB, INCEPTION) mehr Ereignisse in einen Bogen zu zwingen, als logischer Weise möglich wären. 
4) „Torture Porn”, d.h. Darstellung und Plotfunktion der Gewalt ins Extrem zu treiben (SAW, HOSTEL etc). 

Alle vier Wege sind inzwischen so oft beschritten worden, dass sich die Rauschwirkung schon wieder zu verflüchtigen droht. Was tun? Man kann sich an einer Fusion versuchen, zusätzlich ältere Rezepte der Steigerung miteinbringen (Serienkiller, Kriegsfilm), zum Beispiel einen mehr oder weniger fragmentierten Alien-Invasion-Horror-Kriegsfilm machen (CLOVERFIELD, BATTLE: LA, SUPER 8) usw. 

So oder so, im Bemühen, möglichst schnell die maximale dramatische Betriebstemperatur zu erreichen, hat sich eine Art Weltuntergangs-Standard herausgebildet. Aber weil jede Filmerzählung neben ihren Produktfunktionen, denen die Steigerungsdramaturgie natürlich huldigt, auch so etwas wie Sinnproduktion betreiben muss, um auf echte Resonanz zu stossen (auf die auch die großen Hollywood-Maschinen nicht verzichten können) - fragt man sich, wie es passieren konnte, dass das Apokalyptische zum Lieblings-Setting des Mainstreamkinos geworden ist.

Passt das noch zu der Idee, die Kulturindustrie würde „Flucht” verkaufen („nicht die Flucht vor der schlechten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an den Widerstand” - Horkheimer & Adorno 1988, S.153)? 


Stills aus John Hillcoats THE ROAD (USA 2009).


Meine Vermutung ist, dass wir uns berauschen an der Vorstellung, die Letzten zu sein (SILENT HILL, I AM LEGEND, THE ROAD, THE BOOK OF ELI) - ähnlich vielleicht, wie es die Adventisten getan haben, die Jesu Wiederkehr dreimal vergeblich errechnet hatten, bevor sie sich auf ein „bald” verständigt haben. Der narzisstische Kick läge demnach darin, nicht mehr Teil des ewigen Werdens und Vergehens zu sein, sondern tatsächlich einem signifikanten Punkt der Geschichte - nämlich ihrem Ende - beizuwohnen. Diese süße Endlichkeit, den Tod der Tode, zu feiern und zugleich wider alle Wahrscheinlichkeit, deus ex machina, an der finalen Rettung festzuhalten - das ist der Widerspruch, der das Kino der Apokalypse so attraktiv macht.

Was daran seltsam berührt ist die gelegentlich unheimliche Doppelung der Katastrophen-Fiktionen mit den wirklichen Krisen unserer Zeit. Warner Bros., so war heute zu lesen, hat Clint Eastwoods HEREAFTER aus den japanischen Kinos genommen, weil der fiktive Tsunami angesichts des realen frivol wirken musste. Die „Übertreibung” in der Wirklichkeit kränkt die Erfindung, die ihre Masslosigkeit („noch schlimmer als die Wirklichkeit”) als Trost verkauft...


Lars von Trier inszeniert PLANET MELANCHOLIA






P.S.:
Lars „Chaos reigns” von Trier arbeitet zur Zeit an einem Film „über das Ende der Welt”: PLANET MELANCHOLIA (inzwischen nur mehr „Melancholia”). In Cannes werden wir sehen, wie weit die Fantasie des Meisters der Provokation über unsere Wirklichkeit hinausreicht.


(siehe auch: *)


(Eingestellt von Christoph)

Kommentare:

  1. Schöner Einblick in die momentanen Strukturen. Ich denke auch, dass narzisstisch Überlebensgedanken des Individuums mit reinspielen, wenn es um den "Eskapismus in die Apokalypse" geht. Allerdings gibt es auch weniger komplexe Prozesse, da Narzissmus, zumindest im psychodynamischen Sinne, ja schon ein enorm verflochtenes Feld ist. Man könnte es auch vereinfachen und erst mal die kognitive Verarbeitungen in Spiel bringen, da unser Gehirn so funktioniert, das es für händelbar hält, was durch die Ratio gefiltert wurde. Dass die Struktur von Film (welche im Verlauf des letzten Jahrhunderts eh einen Einfluss auf neocortikale Verarbeitungsprozesse hatte) uns es da sogar noch einfacher macht - da wir ihr dramaturgisch folgen können, Bild, Ton und Inhalt (eben die Apokalypse) eine Einheit ergeben - hat, durch das dopaminerge System, welches uns für diesen Erfolg die Einheitlichkeit zu verstehen und das Unfassliche damit fasslich zu machen noch belohnt, den Effekt der Bewältigung. Diese Bewältigung ist mit Sicherheit trügerisch, aber das Kino bietet nun mal wie kaum ein anderes Medium Affekte durch Effekte.

    Ich erinnere mich noch an die Diskussionen bzgl. Narzissmus und "Mad Max & Co." damals. Eigentlich hat sich nur der Aufwand verändert. Was das Publikum vor 30-40 Jahren mitgedacht hat, muss ihm heute gezeigt werden. Vielleicht ist diese Externalisierung des Unvorstellbaren auch eine Form von Eskapismus und (vermeintlicher) Konfrontation?

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  2. Ein so interessanter Text - und dann kommt der bräsige dänische Kleinbürger-Sadist mit seinen Doktorspielen aus dem Arthaus-Kinderzimmer. "Meister der Provokation?" Wie was warum? Würg.

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  3. Hallo Agis, ob L.v.T. ein Meister des Kinos ist, daran zweifle ich durchaus gelegentlich, aber Meister der Provokation - in jedem Fall. Belegt das nicht schon dein Kommentar?

    Christoph

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  4. Wie wahr, L v Trier hat meine Reaktion "hervorgerufen"... Es würde hier zu weit führen, mein Trier-Problem zu erörtern. Ich werde mir einfach alle seine Filme ansehen und hoffentlich darüber schreiben...

    Bis bald
    Agis

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  5. Ein Artikel in interessanter Nachbarschaft zu diesem Post:

    http://www.getidan.de/gesellschaft/markus_metz/30193/die-katastrophe-und-ihre-bilder

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