Dienstag, 3. Mai 2011

KRIEG = KINO

Präsident Obama und sein Stab verfolgen „live” die Militäroperation gegen Bin Laden.
(Eingestellt von Christoph)


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Kommentar von Benjamin


Dieses Bild ist wirklich phantastisch in seiner Aussagekraft, die, wie ich finde, weit über die Kurzform Krieg=Kino hinausgeht. Nicht nur widerspricht der Raum vollkommen dem, was wir uns nach vielen Filmen und Fotos von einem „War Room” oder Ähnlichem vorgestellt haben, sondern auch das Equipement ist vollkommen banal. Zusätzlich hockt der Präsident, fast wie eine Nebenfigur, neben dem Offizier der zentral auf dem gepolsterten Chefsessel und am Tischende sitzt. Der Offizier ist der Einzige, der nicht nach vorne, sondern auf seinen Monitor schaut und zu schreiben scheint. Ist er der Einzige, der tatsächlich kommuniziert?
Der Bildschirm, auf den alle starren ist ebenso abwesend im Bild, wie Bin Laden es all die Jahre war und jetzt nach seinem Tod und der Bestattung auf See wieder sein wird. Die Einzigen, für die die Ermordung des Terroristen real war, sind die Soldaten der Marine Seals und die Anwesenden von Bin Ladens Entourage. Der Rest der Welt teilt sich die Virtualität des Erlebnisses in verschiedenem Grad. Vielleicht haben die Feldherren hier auf ihrem „Hügel” noch mehr das Gefühl „dabei” gewesen zu sein, als der Bürger, der bisher dieses Bild vor den Beweis-Bildern des toten Bin Laden geliefert bekam. Letzteres wird nicht nur zu zahlreichen Verschwörungstheorien führen, sondern es zeigt wie schwierig es geworden ist, heute mit Informationen und Bildern umzugehen. Vielleicht haben die PR-Strategen des weissen Hauses dem Bild des zuschauenden Präsidenten mehr authentifizierende Kraft beigemessen als dem Bild des toten Bin Laden. Der Präsident (und sein Team) wird uns als Identifikationsfigur mit seinem Blick angeboten für das bald folgende Bild dessen, was er sieht als „Gegenschuss” sozusagen. Der Gegenschuss war bisher eine Satellitenaufnahme der Villa, sowie ein Bild des Bettes auf dem Bin Laden erschossen gelegen haben soll. Der wirkliche Anschluss auf das oben gezeigte Bild ist aber natürlich der tote Osama Bin Laden. 


So ein Bild habe ich jedenfalls noch nie als Pressrelease einer Regierung gesehen und es definiert für mich auf spannende Weise eine neue Zeit der politischen Kommunikation über Bilder.     


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Update:




Eine Art „Gegenschuss” zum obigen Bild, übrigens ebenfalls von Pete Souza (hier seine Seite), dem offiziellen Fotografen des Weissen Hauses, wobei unklar ist, ob das Bild zur gleichen Zeit entstanden ist (Clintons Kostüm spricht dafür). Der Mann links neben Obamas Kopf - mit Zettel - ist der CIA-Chef Leon Panetta. Der Raum kann nicht sehr groß sein, den die Brennweite ist extrem kurz - siehe Obamas verzerrte Schultern.


Hier ein kurzer Spiegelartikel zum Thema „Inszenierung im weissen Haus”, dort ein offizieller Webchat mit Pete Souza.


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Hier eine lustige kleine Bildbearbeitung aus dem Netz:






Kommentare:

  1. Ich glaube ja, das Bild geht auf den Einfluss von DVD-Extras zurück... Im Sinne einer Erotisierung des „Making of”. Wir sehen inzwischen lieber das „Making of” des Filmes/Krieges als den Film/Krieg selbst. Die Enttäuschung ist natürlich, dass hinter den Kulissen auch nur Zuschauer sitzen. Entwirklichung...

    C

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  2. Toll auch Clinton, die einzige, die Gefühl zeigt ... es muss sich um einen Spannungsmoment handeln: Welche Mannschaft wird gewinnen? MC Seals oder FC Taliban? Man kann sich den Jubel vorstellen, als das „Tor” dann gefallen ist - ein Bild, das aber sicher unter Verschluss gehalten wird.

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  3. according to the nytimes:

    The code name for Bin Laden was “Geronimo.” The president and his advisers watched Leon E. Panetta, the C.I.A. director, on a video screen, narrating from his agency’s headquarters across the Potomac River what was happening in faraway Pakistan.

    “They’ve reached the target,” he said.

    Minutes passed.

    “We have a visual on Geronimo,” he said.

    A few minutes later: “Geronimo EKIA.”

    Enemy Killed In Action. There was silence in the Situation Room.

    Finally, the president spoke up.

    “We got him.”

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  4. Geronimo. Seltsame Wahl für einen Code Namen.

    „Die Skull and Bones Society, darunter Prescott Bush, Großvater von George W. Bush, sollen verschiedenen Quellen zufolge 1918 das Grab Gokhlayehs [= Geronimos] ausgeraubt und seine Knochen in ihr Kultmuseum gebracht haben.”

    http://de.wikipedia.org/wiki/Geronimo

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  5. Interessant, wie die NYT das beschreibt, dann wäre es eine Art Flüsterpost aus Pakistan zu Panetta zu Obama. Die Kürzel und Codenamen wie EKIA und Geronimo sind auch immer interessant, weil sie viel mehr Emotionen in sich tragen, als sie sollten. Genauso wenn die Operationen ein Erfolg sind, wie wenn sie ein Mißerfolg sind können die Namen zu starken Gefühlsträgern werden: Mendocino, z.B. der Codenamen der RAF für die Schleyer-Entführung oder Desert Storm (Golfkrieg 1) oder Enduring Freedom (Horn of Africa), tragen seltsame falsche Verheissungen in sich...

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  6. Es wirkt, als sei der Code Name eine Art Respektbezeugung vor Bin Laden, dessen Motive so eine ganz andere historisch Perspektive bekommen. Seltsam.

    C.

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  7. Was für ein Foto!
    Ich frage mich natürlich wer es geschossen
    hat. Es war wohl ein offizieller Fotograf?
    Soetwas, so ein Foto, wird doch sicherlich von den SPIN-Doctors
    abgesegnet.
    Herr Heisenberg, wissen sie dazu mehr?

    Georg Boch

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  8. Der Fotograf heißt laut Spiegel Pete Souza, er ist der „Chief Official White House Photographer”

    Sehr vielsagender Film über ihn:
    http://www.whitehouse.gov/photos-and-video/video/2010/10/28/open-questions-pete-souza

    Habe eben den „Gegenschuss” gefunden zum Bild oben, und gepostet.

    C

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  9. Danke Christoph für die weiterführenden Infos.

    Benjamin

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