Sonntag, 8. Juli 2012

HANDS ON FASSBINDER #3 ÜBER POLITIK

Fassbinders politische Vorurteilslosigkeit ist bekannt: „Ich schieße nach allen Seiten, wo ich merke, dass es stinkt“, antwortete er dem Schauspieler Karlheinz Böhm auf die Frage, wofür er eigentlich sei, wenn er nicht nur gegen die Rechten, sondern auch gegen die Linken, gegen die Extreme, gegen die von unten und gegen die von oben, gegen die Parteien und gegen die Religionen sei.
1968 begegnet Fassbinder dem französischen Regisseur Jean-Marie Straub, dessen politische Radikalität ihn stark anzieht. Dennoch war die Haltung dieser beiden Filmemacher sehr unterschiedlich. Straub arbeitet mit Verweigerung, Fassbinder exponiert sich, macht sich angreifbar. Manchmal wird der politische Gegenwind so stark, dass Projekte verhindert werden. Die geplante Aufführung von DER MÜLL, DIE STADT UND DER TOD in Frankfurt am Main mündete in einen großen Theaterskandal, in dessen Schatten 1977 auch das Filmprojekt SOLL UND HABEN geriet, das nicht realisiert werden konnte. ÜBER POLITIK geht der Frage nach, wie Filmemacher und Filme durch den Umgang mit politischen Themen selbst zum Politikum werden können.




#3 ÜBER POLITIK - PROGRAMM

Samstag 14. Juli, ab 17:00 Uhr / Collegium Hungaricum Berlin (.CHB)
Dorotheenstraße 12, 10117 Berlin-Mitte


GESPRÄCHE UND VORTRÄGE

PETER NAU: FASSBINDER UND JEAN-MARIE STRAUB, “DER VAMPIR”
Straub war 35, Fassbinder 23 Jahre alt, als sie sich 1968 erstmals begegneten. Über Fassbinders kurz zuvor gedrehte Kurzfilme sagte Straub, dass sie unter den deutschen Filmen am meisten Gewalt an sich hätten. Straub und Fassbinder arbeiteten beide am Action-Theater in München. Fassbinder verwendete in seinem ersten Spielfilm LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD eine von Straub aussortierte Kamerafahrt der nächtlichen Autofahrt aus dem BRÄUTIGAM, DIE KOMÖDIANTIN UND DER ZUHÄLTER: eine Hommage an den „Vampir Straub“. Der politische Umgang mit Film, der nicht unterschiedlicher sein könnte, spitzt sich nach 1968 zu. Peter Nau zeigt an diesem Beispiel zwei unterschiedliche Wege der Politisierung von Kunst auf.

Peter Nau, Filmkritiker, lebt in Berlin. Auswahl an Publikationen: „Zur Kritik des Politischen Films“ 1978, Filmkritiker-Kooperative Zeitschrift „Filmkritik“, „Die Filme von Reinhard Kahn und Michel Leiner“ 2010, Kritiken auf newfilmkritik.de


SOLL UND HABEN – DIE VERHINDERUNG EINES PROJEKTS
1977 plant der WDR die Verfilmung von Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“, der zu den meistgelesenen Werken im 19. Jahrhundert zählte, unter der Regie von Rainer Werner Fassbinder. Das Projekt wird nicht realisiert. Der damalige Autor Herbert Knopp hat nun anlässlich von HANDS ON FASSBINDER das Drehbuch erstmals zugänglich gemacht. Der Regisseur Ralf Hechelmann hat zusammen mit der Filmemacherin Saskia Walker einen Auszug des gescheiterten Projektes inszeniert.

Vortrag Herbert Knopp: Das Filmprojekt SOLL UND HABEN von 1976
Herbert Knopp erläutert, warum die mehrteilige Verfilmung des Romans trotz anfänglicher Genehmigung abgesetzt wurde.

Gespräch: Bedeutung des Filmprojektes heute
Herbert Knopp, Ralf Hechelmann, Saskia Walker

Inszenierung einer kurzen Szenenfolge aus SOLL UND HABEN von Herbert Knopp, frei nach dem Roman von Gustav Freytag.
Adaption: Ralf Hechelmann, Regie: Saskia Walker und Ralf Hechelmann, Darsteller: Harry Baer, Michael Golab, Thomas Gumpert

Dr. Herbert Knopp, Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft, Politischen Wissenschaft; Promotion in Philosophie. Autor, Redakteur, Producer beim ZDF und Bavaria Atelier. Freier Autor, wohnhaft in München. Drehbücher u.a. "Nur der Freiheit gehört unser Leben", nach Horváths "Jugend ohne Gott“, "Heinrich Heine“, "Annas Heimkehr". Produktionen u.a. BOLWIESER, DANN EBEN MIT GEWALT, MENSCHENJAGD.

Ralf Hechelmann, freier Autor und Regisseur.

HANDS ON FASSBINDER – Filmreihe im Zeughauskino
Filmtermine der begleitenden Retrospektive im Zeughauskino (Teil 3: 7. bis 15. Juli) 

Eintrittspreise:
Zeughauskino / 5,- EUR
.CHB / 5,- EUR (erm. 3,- EUR)

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