Dienstag, 26. Februar 2013

BIN ISCH ALLEIN

Bin ich eigentlich der einzige, der Hanekes L’amour für ein verunglücktes Kleisterwerk der Spätromantik hält? 
Ist die Sache nicht eher so, wie Louis C.K. sie in der ersten Folge seiner hinreißenden Serie Louie als das Best Case Scenario beschreibt: Man trifft einen Menschen, verliebt sich in diesen Menschen, die Liebe wird erwidert, man zieht zusammen, man versteht sich, man lacht über die gleichen Dinge, man wird zusammen alt, und dann stirbt einer von beiden. Und dann ist der andere allein. Und trägt von da an für den Rest seines Lebens die Tüten vom Supermarkt allein nach Hause. 
Oder wie eine ältere allein lebende Dame, die mir nahesteht und die ich gefragt habe, warum sie nicht mit einer Freundin zusammenzieht: „Du, natürlich hab ich schon darüber nachgedacht, aber die meisten sind entweder verheiratet oder zu anstrengend. Mit der Irmgard (Name geändert) könnt ich’s mir vorstellen. Wir haben auch schon darüber geredet, dass wir zusammenziehen, wenn ihr Mann nicht mehr lebt. Aber sie kann ja ihren pflegebedürftigen Mann nicht einfach allein lassen.” 
Altwerden ist nichts für Waschlappen, lautet der schöne Titel von Blackie Fuchsbergers Autobiografie. Und ich persönlich wäre froh, wenn das so bliebe, und sich nicht die Ehepartner gegenseitig im Alter das Kissen ins Gesicht drücken. Aus Erinnerung an romantische Teenagertage.


 

Franz

Kommentare:

  1. Da es keine Kritik an Hanekes Film zu sein scheint, sondern eine Empörung über den Inhalt, nur so viel: Die Figuren sind zusammen alt geworden, wobei sich die Frau nach ihrer ersten "Rettung" im Krankenhaus eindeutig gegen weitere solcher Maßnahmen ausspricht. Den Protagonisten als Waschlappen zu bezeichnen ist nach seinen Bemühungen und seinem Leiden eine zu bequeme Darstellung. Die Frage nach dem Tod ist und bleibt spannender.
    Modest

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  2. nein, nicht allein: http://www.cargo-film.de/festival/tiff-2012-winners-and-losers/

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  3. Da es keine Kritik an Hanekes Film zu sein scheint, sondern eine Empörung über den Inhalt, nur so viel: Die Figuren sind zusammen alt geworden, wobei sich die Frau nach ihrer ersten "Rettung" im Krankenhaus eindeutig gegen weitere dieser Maßnahmen ausspricht. Den Protagonisten als Waschlappen zu bezeichnen ist nach seinen Bemühungen und seinem Leiden eine zu bequeme Darstellung. Die Frage nach dem Tod ist und bleibt spannender.
    Modest

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  4. Nein, weniger Empörung als Ärger darüber, dass sich mit ein bisschen Abstand das alte Hanekegefühl einstellt, dass alles in diesem Film einer Funktion dient einschließlich der Nebenfiguren, dem Hausmeister, der Tochter und den beiden Pflegerinnen. Nur um diesen einen Effekt zu erzielen.
    Mit dem Leben hat das für mich nicht viel zu tun. Und die Frage nach dem Tod war noch nie unabhängig von der nach dem Leben. Mich interessiert im Zusammenhang mit Tod und pflegebedürftig sein: Wie geht das Leben weiter? Kann es nicht sein, dass die "böse" Pflegehilfe ihrer Tochter sehr liebevoll die Haare kämmt usw. Dafür müsste allerdings auch erst mal eine klare Haltung her. Wie endet denn die Geschichte Deiner Meinung nach? Meine Erfahrung von Caché bis L'amour: Fünf Zuschauer - fünf Meinungen. Das finde ich ängstlich. Sich geheimnisvoll machen. Und dabei so durchschaubar.
    Versteh mich nicht falsch. Ich streite hier eben nicht über den Inhalt, weil der, wie ich finde, sehr überschaubar ist. Ich bin durchaus der Meinung, dass Menschen selbst bestimmen sollten, wann sie sich vom Leben verabschieden. Aber darum geht es in diesem Film meiner Meinung nach nicht. Ich glaube, es geht darum, einen möglichst großen Effekt zu erzielen. Das ist zugegebenermaßen gelungen. Ich finde es schlichtweg nicht interessant.
    Franz

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  5. p.s.: Das mit dem Waschlappen bezieht sich übrigens nicht auf die Rolle und schon gar nicht auf den Schauspieler Jean-Louis Trintignant, sondern auf die Haltung des Films.

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  6. Das sind nun ein wenig andere Punkte, die ich auch spannender finde als den obigen Text.
    Was meinst Du also, welche Effekte oder welcher Effekt erzielt werden soll? Da ich mich mit Hanekes Werk nicht genug auskenne, um eine abschließende Meinung vorzutragen, möchte ich die Funktionalität der Figuren nur für L’amour in einen anderen Zusammenhang setzten. Das Thema des Altwerdens ist gerahmt durch das Leben, das freilich durch die vorschreitende Krankheit der Protagonistin immer weiter beschnitten wird. Die Freunde sind verstorben, die Enkelkinder erwachsen, die „Arbeit“ getan, weswegen sowohl der Besuch der Tochter als auch der des Schülers mehr Pflichtbesuche sind, da keine veränderte menschliche Beziehung entstanden zu sein scheint. Die Figuren mit denen alte Menschen zu tun haben, führen in gewisser Weise vor allem Funktionen aus – der Nachbar der dafür Geld bekommt die Einkäufe zu tragen, oder eben die (ökonomisierte) Pflege in Heimen oder zu Hause.
    Aber dies sollte uns nicht dazu verleiten, dass wir den Film als einen Konflikt zwischen der alternden Frau und den Institutionen für alte Menschen ansehen. Vielmehr bemerken wir die Veränderungen in der Liebe des Protagonisten zu seiner Frau. Was bedeutet Liebe? Wie verändert sie sich und dich? Und was bist Du bereit für Liebe zu tun? Seinen inneren Konflikt sehen wir an der unerhörten Szene in der er die Taube fängt und freilässt.
    Modest

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    1. Da Modest sicher nicht Dein Name ist und ich nur vermuten kann, dass Du noch nicht im Rentenalter bist, will ich Dir an dieser Stelle wünschen, dass Du im Alter nicht von Menschen umgeben bist, die nur Funktionen ausfüllen.
      Zu der Szene mit der Taube kann ich nicht viel sagen. Sie erzählt mir zunächst mal gar nichts, weil ich auch da direkt vermute, dass sie irgendeine Funktion erfüllt oder schlimmer noch, ein Symbol sein soll.
      Mit dem Effekt meine ich folgendes: Es gibt für mich Filmemacher, die Geschichten erzählen, und es gibt Filmemacher, deren Filme mir vor allem eines erzählen: Ich will ein ganz großer Filmemacher sein.
      Das zwischen Tür und Angel. Ich muss mich jetzt abmelden aus der Unterhaltung, weil ich arbeiten muss. Ahoi und danke fürs Schreiben.
      Franz

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  7. Ich merke schon, dass ich dieser Tage immer leiser "Haneke" sage, wenn ich nach mir lieben Filmautoren gefragt werde. Ihr kennt das vielleicht: Eine Band, die man schon lange verfolgt und lieb gewonnen hat, wird plötzlich mit ihrem neuen Album (oscar)erfolgreich und von nun an gibt es das Bedürfnis die eigene Meinung zu relativieren, weil, was keiner weiß, eben alle Alben davor doch um ein Vielfaches besser waren. (Ein Freund macht diese Beobachtung zum Beispiel bei "Arcade Fire".)
    Jedenfalls schreibe ich hier als Liebhaber der Filme von Haneke, "Benny's Video" und vor allen anderen "Code: Inconnu" finde ich hervorragend. Sein Werk wird inflationär als "präzise" bezeichnet, damit ist wohl die Bedachtheit alles Gezeigten gemeint, die Nicht-Zufälligkeit. Das habe ich sehr gern. Einen durchdachten Film anzuschauen, der sich und seine Form ungeheuer ernst nimmt anstatt eine bewegende Geschichte irgendwie abzufilmen. Ohnehin, das Nicht-Zeigen ist als Stärke des Films erstaunlich ungenutzt, Haneke nutzt es und nimmt mich so als Zuschauer ernster, weil er mich nicht deaktiviert. Die Meisterschaft besteht darin, bei aller definierten Präzision damit nicht auf eine gültige Moral der Geschichte hinzuarbeiten, die abzusegnen sei ("Funny Games" nimmt eine Sonderstellung ein, das steht außer Frage) sondern gedankliche Räume zu öffnen, in denen man sich in verschiedene Richtungen aufmachen kann. Das finde ich dann weder ängstlich noch durchschaubar. Ich wehre mich dagegen, Haneke dramaturgische 0815-Bausteine zu unterstellen, die den Zuschauer führen wie Fäden Marionetten, gerade das Gegenteil zeichnet Haneke aus.
    Bis jetzt, denn tatsächlich habe ich das Gefühl, das Du auch beschreibst, dass nämlich bei "Amour" die Lektüre viel beschränkter ist, dass alles auf diesen Effekt hinarbeitet. Den ich dann auch gar nicht mehr so interessant finde. Meine Haltung, als es dann endlich passierte, war eher eine der Sorte "Ja. Klar. Das musste." und hat mich nicht aufgewühlt hinsichtlich der Frage, was ich von einer solchen Handlung halten sollte. Und das ist, was der Film hauptsächlich will. Die Intensität dieser Frage möglichst erhöhen mit allem, was er um sie herum arrangiert. Das dann wiederum Gefahr läuft, Karikatur zu werden, weil es nur diesem Effekt dient.
    Der Film hat mich deshalb relativ kalt gelassen, wie "The Suburbs" meinen Freund, du bist nischt allein.

    Sich aber als Zuschauer eines Haneke-Films generell entmündigt zu fühlen scheint mir eher eine Trotz-Reaktion oder ein Missverständnis zu sein, weil man hier eben nicht all das bekommt, was andere Filme gönnerhaft und im Dienste einer möglichst beigeisternden Illusion ihrem Publikum bzw. sich selbst zugestehen. Oder?

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    1. Ja, klar, auch eine Trotzreaktion. Ich habe es ja geschrieben, nachdem "L'amour" auch noch den letzten Preis gewonnen hat, der noch zu vergeben war...
      "Code Inconnu" nehme ich übrigens von oben gesagtem aus. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich den nicht so mochte, weil da diese tolle Szene mit Juliette Binoche drin vorkommt, in der sie in die Kamera spricht. Die hatte eine Wärme und eine Freiheit im Sinne von Funktionslosigkeit, die ich von Haneke nicht kannte. Vielleicht liegt das daran, dass in dieser Szene unser Mitherausgeber Jens Börner die Kamera gemacht hat.
      Franz

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  8. Den Volcano aus Island zum Thema fand ich viel herzzerreissender...
    http://www.imdb.com/title/tt1695831/

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    1. Danke für den Tip. Den Film kenne ich noch nicht.
      F

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    2. Schön, dass dieser tolle Film einmal erwähnt wird. Hätten wir/ich gerne ins Kino gebracht, war aber leider zu schwierig/kompliziert/teuer. Wenn wir jetzt die Gelegenheit bekämen, ihn zu zeigen/verleihen, würden wir uns dem Vorwurf aussetzen, auf den Haneke-Zug zu springen.
      Überigens würde ich beide Filme nicht gegeneinander ausspielen wollen, obwohl mein Herz eher an dem isländischen Film hängt.
      Micha

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