Dienstag, 19. Februar 2013

LINCOLN – DAS HOHE LIED VON DER SKLAVENBEFREIUNG

„Herr Keiner schätzte (Brechts) Geschichten von Herrn Keuner und hat sich in mancherlei Hinsicht an diesen ein Beispiel genommen. Er nahm sich vor, seine Geschichten mit vergleichbarer Distanz und Sachlichkeit aufzuschreiben. 
Er wollte wie Herr Keuner den Dingen auf den Grund gehen und dies in möglichst knapper, pointierter Form zum Besten geben.“ Unter dem Blog HERRSCHAFTSZEITEN findet ihr Analysen zu diversen politischen Themen. 
Anbei ein lesenswerter Text zu dem Film/Machwerk LINCOLN:

Herr Keiner war mit Freunden im Kino, um sich den neuen Film über den US-Präsidenten Lincoln und dessen Wirken im amerikanischen Bürgerkrieg anzuschauen. Da sie vorher die einhelligen Lobeshymnen in der deutschen Presse gelesen hatten, waren sie auf das Schlimmste gefasst: auf einen patriotischen Bilderreigen, der den Gewinner des amerikanischen Bürgerkriegs als wahren Freund der Unterdrückten und Ausgebeuteten zu zeichnen sucht. Was sie allerdings in der Form nicht erwartet hatten: einen „Geschichtsfilm“ zu sehen, dem nicht einmal andeutungsweise zu entnehmen war, was die wirklichen Gründe für den amerikanischen Bürgerkrieg und die Abschaffung der Sklaverei in den Südstaaten waren. Ein Film, der nicht einen Gedanken darauf verschwendete, wieso die Versklavung von Menschen seit Gründung der USA über 80 Jahre ihre guten Dienste getan hatte, aber nun ausgerechnet im Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten zum Stein des Anstoßes wurde.

Als Herr K. anschließend bei einem Bier mit seinen Freunden das Gesehene zu sortieren suchten, sagte einer von ihnen: „Dieser Film ist ein einziges Zeugnis der Selbstgerechtigkeit des amerikanischen Patriotismus. Argumente, die das hehre Bild vom Sklavenbefreier Lincoln in Zweifel ziehen könnten, sind erst gar nicht der Rede wert, sie würden nur stören. So hat es einfach nicht zu interessieren, dass es im amerikanischen Bürgerkrieg nicht um das Ja oder Nein zur Sklavenhaltung ging, sondern um die territorialen Grenzen der Sklavenwirtschaft. Denn diese brauchte, um profitabel zu arbeiten, immer mehr Land, und die versuchte Ausbreitung in das Gebiet der Unionsstaaten geriet in Konflikt mit den Interessen eines aufstrebenden Kapitalismus, der in der Freiheit der Lohnarbeit seine profitable Grundlage hat. Mit der verord- 
neten Sklavenbefreiung sollte der Süden im Kampf um die Herrschaft im Land geschwächt werden, sollte ihm seine ökonomische Grundlage streitig gemacht werden.“
„Das ist richtig“, pflichtete ein anderer Freund bei, „doch was mich bei dem Film noch mehr geärgert hat als die offenkundige Geschichtsfälschung, das ist die politische Botschaft für die heutige Zeit. Denn dem vermittelten Bild des Gutmenschen Lincoln tat es in dem Film überhaupt keinen Abbruch, dass der Sieg seiner Partei in der parlamentarischen Abstimmung auf Geheiß des Präsidenten mit den Mitteln der Korruption und Bestechung zustande kam. Also lautet die Botschaft: Keine Skrupel bei der Wahl der Mittel, wenn es um so hohe amerikanische Werte wie den der ‚Freiheit‘ geht. ‚Guantanamo‘, ‚waterboarding‘ und ‚Drohnenkrieg‘ lassen grüßen!“
Da meldete sich Herr K. zu Wort und sagte: „Ich kann mich dem Gesagten nur anschließen, möchte aber noch einen Gedanken zum proklamierten Wert der ‚Freiheit‘ hinzufügen. Denn auch daran ist zu sehen, dass den Befürwortern der Sklavenbefreiung mitnichten das Wohl der ausgebeuteten Schwarzen am Herzen lag. Denn die einzig entscheidenden Fragen standen nicht auf der Tagesordnung ihrer Befreier: Wie können die befreiten Sklaven existieren in ihrer neuen Freiheit? Welche materiellen Mittel haben sie, um sich ein Überleben in den neuen Lebensverhältnissen zu sichern?
Also sah die gewonnene Freiheit für die Schwarzen in der Realität wie folgt aus: sich entweder einzureihen in das Heer der Arbeitslosen oder das einzig vorhandene Angebot anzunehmen, das Verpflegung und Sold versprach: als Kanonenfutter im Dienst der Unionstruppen ihren Dienst zu tun. Davon haben Hunderttausende Gebrauch gemacht, und zig-Tausende sind daran verreckt. Schließlich hatte der Herr Lincoln auch an diese Art der Arbeitsbeschaffung gedacht, als er im Krieg die Freiheit und Gleichheit aller Menschen auf amerikanischem Boden proklamierte. Auch hier heiligte der Zweck die eingesetzten Mittel.“

© HerrKeiner.com  1. Februar 2013

(eingestellt von Nicolas)

Kommentare:

  1. Keiner war im Kino. Niemand hat's gesehen.
    Ich kann den Film wärmstens empfehlen. Filmisch und politisch. Da kann eine oder einer noch was lernen.
    Ist schon jetzt in meiner Top Ten des noch jungen Jahres.
    Franz

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  2. Are you kidding? Ich war da und dachte, ich säße in einer dieser Touristen-Bühnen im Londoner West End. Wenn sie wenigstens gesungen hätten, wobei Daniel Day Lewis... der singt ja!
    Und dann noch dieses gebleachte, glücklich grinsende Service-Personal, das Lincoln immer die Hanschuhe reichen darf.
    nic

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  3. Ich war noch in keiner dieser Touristen-Bühnen im Londoner West End, Nic. Aber wenn es dort so zugeht, werden sie neben dem John Soane's House und dem Brixton Market ein fester Bestandteil meiner künftigen Londonbesuche.
    F

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  4. Schockierend, dass sich Revolver auf das Fakten Fakten Fakten Niveau begibt. Auf wiedersehen beim ZDF ...

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    1. Was und wen genau meinst Du damit? Und könntest Du uns den Gefallen tun und nicht anonym schreiben?
      Grüße
      Franz

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  5. Mutmaßung: Film muss doch kein Re-Staging historischer Fakten sein. Sonst kommt Baader-Meinhof-Komplex, Untergang, Guido Knopp heraus?
    Aber genau das tut doch Lincoln. Ich denke, es wäre produktiver gewesen Zusammenhänge aufzuzeigen als eine Legende zu bestätigen.
    nic
    P.S.: http://blogs.indiewire.com/pressplay/steven-spielberg-hollywood-historian-a-debate-between-matt-zoller-seitz-and-tom-carson

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