Dienstag, 26. Februar 2013

SANTIAGO LOZA: 'LA PAZ'

Berlinale-Nachlese:
Annäherungen an den Film LA PAZ (Forum) / Katrin Eißing im Gespräch mit dem argentinischen Regisseur Santiago Loza und dem Hauptdarsteller Lisandro Rodriguez

An deutschen Männern erweckt Ohrenkraulen und ausgiebiges Streicheln einer liebenden Mutter wahrscheinlich schon beim Zusehen starken Juckreiz. Das zu wissen und umgeben von Deutschen dabei zuzusehen, ist bei der Kälte draussen, verwirrend. Vielleicht bewirken es die grossen, real errötenden Gesichter oder das organische Timing… nach einer Weile in LA PAZ sind alle Sinnesorgane wie geschrubbt und führen durch einen Film voll von der wortlosen Wahrhaftigkeit alltäglicher Liebe.

Ich glaube das ist einer der Gründe, warum LA PAZ bis jetzt wenig besprochen wird, er ist reines Kino. Zwischen die wechselnden Bilder von Nähe und sausenden Mopedfahrten schieben sich ausgiebige Zweifel an der eigenen Wahrnehmung. Die Unsicherheit und Zerbrechlichkeit der Hauptperson überträgt sich, wir werden ebenso empfänglich und verlieben uns in die Dunkelheit im Saal hinein. Die Bilder sind niemals „geschossen” sondern wie ohne jeglichen Hintergedanken man könnte auch sagen: von Kinderblick „gedreht”. Diese Kamera die gnadenlos immer wieder flirrend im „komm mir nicht zu Nahe Bereich” schwebt, sieht man fast schon von aussen: ein neugieriges, kleines Wesen mit wunderschönen Augen.





Katrin Eißing:
Ich bin blind in den Film gegangen, also kenne deine Arbeiten nicht, hab dann gefühlt, dass hier eigentlich genau das tatsächlich passiert, was Kino für mich bedeutet, nämlich Verwandlung, Transformation, in einer Vorwärtsbewegung. So ein Schmelzen, eine ständige Überschreitung, die auch im Körper wirkt. Entschuldigt bitte, ich hab haufenweise Grippetabletten genommen. Danach habe ich über dich gelesen, dass du mit LA PAZ zum Beispiel den Abgrund zwischen Sprache und Bild überwinden, überschreiten wolltest? Oder das das ein Zweck genau dieses Filmes war.

Santiago Loza:
Ich schreibe. Meist Theaterstücke. Lisandro Rodriguez (der Hauptdarsteller von LA PAZ) ist Regisseur, er hat ein Theater in Buenos Aires, „Elefante Club del Teatro”. Ich schreibe Stücke, die er inszeniert. Manchmal, oder oft komme ich an die Grenze der Sprache, dann will ich Filme machen. Meine ersten Filme sind ganz auf der Seite der Sprachlosigkeit. Hier wollte ich diese beiden bereiche, die für mich selbst getrennt sind verbinden, deshalb gibt es eine Geschichte.

Eißing:
Ja das passiert vielleicht durch die Räumlichkeit. Ich finde ganz erstaunlich wie nah und fern die Kamera in LA PAZ sein kann. War es eine einzelne Person, die die Kamera gemacht hat?

Loza:
Ja ein Ivan Fund ist guter Freund. Im vorigen Film LOS LABIOS / DIE LIPPEN (Cannes, Un certain regard 2011) waren wir Co-Regisseure. Wir sind in der Arbeit wie ein einziges Wesen. Auch das Team war so klein wie möglich. Wir hatten nur natürliches Licht, brauchten eine intime Situation.

Eißing:
Das ist nicht üblich in Deutschland, dass wir uns soviel berühren und streicheln. Das kommt ja in dem Film ständig vor und wird ganz simpel und deutlich gefilmt… Es gibt also mehrmals für mich jedenfalls, unklare Situationen, in denen der Zuschauer dann eine Weile hängen bleibt. Eine Grenze wird berührt, aber nicht überschritten. Zum Beispiel, auf der Beerdigung der Grossmutter, wo den Hauptdarsteller eine alte Freundin streichelt. Als er sie auf den Mund küssen will, ist sie plötzlich empört. Oder dass die Mutter ständig an dem Sohn herumfummelt. Man fragt sich, jedenfalls als Nordeuropäer, was da „normal” ist. Man spürt eine Spannung und muss sie dann aufgeben, weiß die ganze Zeit nicht ob man nicht selbst vielleicht verrückt ist. Du erreichst damit, dass der Zuschauer sehr offen wird.

Loza:
Also, ich wollte jedenfalls keinen Film über Argentinische Mütter oder so etwas machen, kulturelle Unterschiede etc. Nein und auch nicht zweideutig. LA PAZ und auch die Hauptperson Liso, sollte unschuldig, schüchtern sein, rein.

Eißing:
Das ist eine ganz besondere Hauptfigur, sehr rezeptiv und ein bisschen verrückt. Normalerweise ist in Filmen von Männern so jemand eine Frau und am Ende stirbt sie. Es gibt ausserdem eine Menge anderer toller Menschen, mit denen eine Frau sich ohne innere Verdrehung identifizieren kann. Das ist selten und hat mir gefallen. Es ist auch sehr mutig von dir persönlich finde ich.

Loza:
Ich dachte diese Hauptfigur als Planet und alle anderen um ihn herum sind wie Monde oder Satelliten. Er kann mit allen anderen in Austausch treten zum Beispiel bietet das Mädchen, das als Hure arbeitet eine völlig neue Geschichte an, oder Sonja das Hausmädchen. Sie bieten eine Möglichkeit und jede Interaktion könnte wieder ein kleiner Film für sich sein. … Natürlich sind die Nebencharaktere sehr intensiv. Man ist so in beständiger Erwartung.

Eißing:
Aber man hat nicht das Gefühl er müsste sich verändern, man mag ihn so wie er ist. Man hat nur Angst um ihn.

Loza:
Der Hauptdarsteller ist fragil und verletzlich und dadurch fühlt er mit diesen Frauen, die alle auch ihre eigenen Sorgen haben und selbst leiden, mit. Er fühlt sich zu ihnen hingezogen. Alle verlieben sich dann auch in ihn und er nimmt diese Rolle gerne an. Er erlaubt das einfach.

Eißing:
So wie der Engel bei Pasolini.

Loza:
Okay, TEOREMA, ja ich hab daran gedacht, aber eben auch umgekehrt. Also der Engel wird hier auch selbst gerettet.

Eißing:
In einer Szene liegt die Mutter auf dem Bett und im Fernsehen kommt eine Dokumentation über ein Krokodil. Das ist etwas dass auch so in LA CIÉNAGA von Lucrecia Martel passiert. War das Absicht, eine Reminiszenz?

Loza:
Ich liebe LA CIÉNAGA und verehre Lucrecia Martel... Nein, ich habe nicht daran gedacht, aber ja, es passiert etwas mit der Mittelklasse in Argentinien. Und mein Film handelt auch davon, von ihrem Zerfallen, oder spielt zumindest in diesem Umfeld, aber in LA CIÉNAGA geht es wirklich um eine dekadente, auseinander brechende Aristokratenfamilie. Nein LA PAZ spielt in einer anderen Schicht/Welt. Das war auch keine Absicht.

Eißing:
Gibt es so etwas wie eine Bewegung in Argentinien: Nouvelle Vague Argentinia? Also auch persönlich, kennt ihr euch? Kennst du zum Beispiel Mariano Ilinas und Augustin Mendilathazu?

Loza
Sie machen eine ganz andere Art Filme… viele Leute machen Filme in Argentinien. … ich sehe mich eigentlich als einen Aussenseiter. Ich komme aus dem Zentrum von Argentinien und nicht aus Buenos Aires. Ich schreibe, mache Theater.

Eißing:
Wie produziert ihr?

Loza:
Es gibt in Argentinien eine Staatliche Filmförderung und viel Zusammenarbeit mit dem TV. Man kann selbst produzieren. Es ist trotzdem für alle sehr schwer.

Eißing:
Könnt ihr von dem Theater leben?

Lisandro Rodriguez:
Das Theater „Elefante Club de Teatro” ist auch ein Club und es gibt Essen, Parties, Unterricht im Schreiben, Schauspiel. Wir machen trotzdem viele Aufführungen. Man muss aufpassen, dass man seine eigentliche Arbeit macht.

Eißing:
Die Darstellung von Sex ist auch etwas ganz Besonderes in LA PAZ. Das ist sehr real, schön und nicht voyeuristisch. Die Kamera ist so klar. Das hab ich so noch nie gesehen.

Loza:
Ich wollte es ohne Attitüde, Moral, ganz rein.

Lisandro Rodriguez:
Wir kennen uns alle drei schon lange. Ivan Fund der Kameramann und ich haben zusammen studiert. Und Santiago und ich arbeiten seit Jahren im Theater zusammen. Santiago schreibt die Stücke, die ich inszeniere. Wir drei sind gute Freunde und vertrauen uns.

Eißing:
Ich habe jedenfalls in deinem Film viel geweint und weiss jetzt immer noch nicht warum. Er schafft Platz.

Loza:
Ich glaube ich bin kein besonderer Regisseur für narrativen Strukturen, sie stören mich eigentlich. Ich fühle etwas und versuche es zu fassen, Wenn du einen Film machst, versuchst du etwas völlig Unsichtbares, Immaterielles zu fassen. Also ich jedenfalls. Im Film wird das trotzdem sichtbar: Der folgende Moment ist dann vielleicht komplett narrativ aber er ist auch wichtig um diesen unsprachlichen Moment davor zart und menschlich völlig sauber stehen zu lassen. Ich habe versucht eine simple Geschichte zu machen, damit sich die Gefühle oder auch die Farben entfalten können... Was für mich noch wichtig ist: Wenn man einen Film macht ist man total verliebt, in Liebe.

Eißing:
Ja find ich auch. Filmen ist lieben. .. Was ist dein nächster Film?

Loza:
LA PAZ ist ein sehr leichter Film, mit einer einfachen klaren Geschichte. Ich hab ein neues Script an dem ich arbeite. Es wird so, wie meine früheren Filme eher böse und dunkel sein. Aber vielleicht nur für die Zuschauer, für mich selbst ist das klar und hell.

(Eingestellt von Christoph)

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