Mittwoch, 3. April 2013

RELIEFENERGIE

Punktrichter bei der Deutschen Meisterschaft für Hubschrauber-Modelle, 1986. 

An sich ist es albern, Filme mit Punkten zu bewerten. Trotzdem unterwerfen sich dieser Disziplin bei CARGO einige der respektiertesten Namen der Filmkritik / -vermittlung. Die so ermittelte „Spitze” ist eher wenig überraschend. Interessanter wird es im oberen Mittelfeld – jedenfalls dann, wenn sich die Ergebnisse der einzelnen Linienrichter stark unterscheiden, die Reliefenergie hoch ist sozusagen. Das ist aktuell der Fall bei Korines SPRING BREAKERS, dem beinahe das ganze Gremium verfallen ist, ausser Alexander Horvarth (Filmmuseum Wien), der ihn mit 33 Punkten (= uninteressant mit interessanten Momenten) bewertet. Ähnlich liegt der Fall bei Wheatleys SIGHTSEERS, den Cristina Nord (taz) unter „verschwendete Lebenszeit” (10 Punkte) abhakt, während er Bert Rebhandl 77 Punkte wert ist (= auf jeden Fall sehenswert). Am größten ist die Differenz aktuell bei Seidls PARADIES: LIEBE, dem Cargo-Mitherausgeber Simon Rothöler 8 Punkte zugesteht (= hat Dante im Inferno zu erwähnen vergessen), während Horvath „ein Muss, einer der besten Filme des Jahres” (84 Punkte) erkennt. An anderer Stelle habe ich geschrieben: „Bestenlisten appellieren an niedere Instinkte.” Ich fühle mich bestätigt. 

Christoph

http://www.cargo-film.de/ratings/2013/

1 Kommentar:

  1. Ja, das habe ich mir auch schon oft gedacht. Ganz richtig beobachtet Hr. Hochhäusler: das interessante obere Mittelfeld. Es ist dann auch immer wieder spannend festzustellen, wie einzelne mir bekannte und beliebte Autoren in Einzelentscheidungen eine völlig andere Richtung einschlagen, als man auch nur ansatzweise erwartet hätte. Aber gerade solche krassen Differenzen von über 60 Bewertungspunkten sind für mich immer auch ein ernüchterndes Zeichen. Handelt es sich hier doch stark angenommen um Profis des Fachs, und einen wirklich guten Film sollten da meiner Meinung nach eigentlich mehr Leute erkennen. Es gab ja tatsächlich auch Kritiker, die 1968 Kubricks 2001 für 'uninteressant' abgestuft haben. Nur hat man von denen irgendwann nur noch sehr wenig gehört. Generell gilt für mich keine nüchtern-kühle Abwägung nach einer Filmsichtung und bei der anschließenden Bewertung; ich möchte immer auch spontanen (Unterhaltungs-)Gefühlen eine wichtige Rolle zukommen lassen. Allerdings stoße ich leider auch immer wieder auf in meinen Augen völlig unnötige 'Komplikationen der Filmkommunikation', wie ich es nennen würde: wenn bei Genrefilmen (Horror, Romantic Comedy, ganz egal was) an eben typischen Genremerkmalen vorbeidiskutiert wird und/oder eine reine 'gefühlsmäßige' Rezeption zentraler Gesprächsstoff wird. Ganz egal welches Genre, ich finde es genauso schade, wenn bei Vertretern des Marvel Cinematic Universe kaum auf die Comicvorlagen im Einzelnen eingangen wird oder auch bei Diskussionen harter Vertreter abseits der Fachzeitschriften wie DEADLINE oder der kürztlich verschiedenen SPLATTING IMAGE (Jennifer Lynchs CHAINED beispielsweise bot nach über einem Jahr auf critic.de lediglich Raum für einen Benutzerkommentar, der indifferenzierter gar nicht sein könnte).
    Bewertungspunktestände von 8 bzw. 84 Punkten erinnern mich an meine Zeit im ersten Semester Medienwissenschaft, Westernseminar von Herrn Sascha Keilholz; wir guckten THE WILD BUNCH: gleichzeitig brutal und gefühlvoll, technisch überragend, wie die meisten wissen. Und dann doch einer aus der letzten Reihe: 'Öh, voll der Quatsch, wird ja nur gemetzelt. Was soll das?'
    ...Ja dann sag doch, dass du das Westernseminar nur aus Planlosigkeit belegt hast und Männern mit Pistolen eigentlich überhaupt nichts abfinden kannst. Bei 8 bzw. 84 komm ich mir manchmal vor, wieder im ersten Semester zu sein. Danke CARGO, Erinnerungen sind ja unersetzbar! ;)
    PS: Gerade gesehen, dass bei OBLIVION (aktuell seit 3 Wochen in den Kinos) lediglich ein Mitglied des Kritikerspiegels abgestimmt hat - durchaus gelungener Genrefilm, wenn ich das mal so sagen darf - und dass der m.M. nach sehr unterhaltsame DIE JAGD ganz schön mau wegkommt. Punktedivergenzen verstören mich eben auch und schrecken mich in ihrer Plakativität eher ab.
    Grüße,

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