Mittwoch, 30. Oktober 2013

RICARDO BÄR

Ein Dokumentarfilm, der sich selbst bei seiner Entstehung zuschaut. Sehenswert. Jetzt auf der Viennale.
 

RICARDO BÄR (Argentinien 2013)

 
Anbei die Produktionsnotizen der beiden Filmemacher:

RICARDO BÄR, EIN REISETAGEBUCH 
von Nele Wohlatz und Gerardo Naumann 

Dezember 2008

Wir sitzen in einem Restaurant in Buenos Aires. Nele ist zu Besuch aus Deutschland in Argentinien. Ein Freund erzählt uns von deutschen Kolonien aus dem 19. Jahrhundert in der Provinz Misiones. Er zeichnet eine Landkarte auf die Rückseite der Speisekarte und markiert die Zonen mit den Kolonien. Nele überlegt, nach Argentinien zu ziehen, und im Scherz schlägt sie vor, diese Kolonisten zu suchen und zu gucken, was ihnen nach der Immigration passiert ist.

Mit der Speisekarte reisen wir kreuz und quer durch die Provinz. Wir erkennen „die Deutschen“ in den Städten von weitem am blonden Haar, aber wenn wir sie ansprechen, reagieren sie schüchtern. Wir denken, vielleicht ist es einfacher auf dem Land, wenn wir direkt auf ihre Höfe gehen. So landen wir auf dem Hof des Alten Reiss in Colonia Aurora. Er begegnet uns misstrauisch, aber als Nele ihn auf Deutsch begrüßt, lädt er uns auf die Veranda ein. Über dem Eingang seines Holzhauses steht auf Deutsch: Jesus liebt dich. Er spricht mit schlesischem Dialekt und verwendet eingedeutschte spanische Verben. Statt abhauen sagt er escapieren. Der Hof der Reiss ist wie ein uraltes Mini-Deutschland unter Palmen.

Wir bleiben in Aurora. Der Alte Reiss lädt uns für Heiligabend in seine Kirche ein, aber als wir auf seinen Hof kommen, ist er schon weggefahren. Wir wissen nicht, was tun. Wir haben kein Auto und die Sonne steht schon tief. Wir laufen zur Tankstelle, um etwas zu trinken. Von dort aus beobachten wir, wie eine Menge Pick-up’s vor einer anderen Kirche parken, etwas weiter entfernt. Das sind Baptisten, sagt man uns in der Tankstelle. Gerardo sagt, Obama ist Baptist, mehr wissen wir nicht. Wir setzen uns in die letzte Reihe und sehen das Krippenspiel: Jesus ist eine Puppe und die Tiere Kinder mit billigen Plastikmasken. Andauernd geht der Vorhang auf und zu. Das Spiel ist minimalistisch. Die Jugendlichen stehen auf der Bühne und bewegen den Mund zu einer Stimme, die hinter einem Vorhang versteckt vorliest. Das Spiel ist geprägt von tiefem Ernst. Was auf den ersten Blick wie schlichtes Laientheater wirkt, ist ein empathisches Reenactment, ein Dokumentartheater über den Ursprung ihres Glaubens. Später in der Nacht stellen wir uns vor, einen Dokumentarfilm wie ein Krippenspiel zu inszenieren, und mit der gleichen spielerischen Freiheit ein reales Ereignis darzustellen, wie sie es tun.

Dezember 2010
Zwei Jahre später kommen wir mit einer Kamera und verfolgen die Vorbereitungen fürs Krippenspiel. Wir filmen einen der Jugendlichen, Ricardo, der auf seinem Hof die Krippe baut. Er sagt, dass seine Augen so blau seien, weil er soviel in den blauen Himmel schaut. Er macht eine Ausbildung zum Pastor. Zweimal die Woche nimmt er den Bus zum Baptisten-Institut in der Provinzstadt. Sein Vater ist dagegen, er braucht ihn auf dem Hof. Aber gegen eine Berufung durch Gott komme sein Vater nicht an, sagt Ricardo. Eines Tages begleiten wir ihn ins Institut. Im Bus bitten wir ihn für die Kamera zu spielen: er soll schläfrig tun und die Gardine zuziehen. Er versteht auf Anhieb was wir von ihm wollen, es macht ihm Spaß, genau wie im Krippenspiel. Wir beginnen, kleine Handlungen aus seinem Alltag mit ihm nachzuinszenieren.

April 2011
Eines Tages kann der Pastor nicht zum Gottesdienst kommen und Ricardo soll zum ersten Mal die Sonntagspredigt halten. Vor dem Gottesdienst werden wir von der Gemeinde aufgefordert zu erklären, was wir filmen wollen. Wir steigen auf den Altar, skeptische Blicke treffen uns. Wir wissen nicht, wie wir ihnen sagen sollen, dass wir nicht nach einem vorgefassten Plan arbeiten, sondern uns von Ricardo leiten lassen wollen. Wir werden nervös. Gerardo macht Witze, die keiner versteht und Nele bringt kein einziges Wort raus.
Trotzdem dürfen wir Ricardos Predigt filmen. Er spricht über Martin Luther. Wir laufen mit der Kamera auf dem Altar herum und filmen alles: ihn, die Gemeinde. Seine Hände fangen an zu zittern, aber das bemerken wir nicht. Immer öfter verhaspelt er sich. Nach dem Gottesdienst will er mit uns sprechen und wir gehen hinter die Kirche. Er sagt, er habe heute beim Beten die Stimme Gottes gehört und Gott habe ihm gesagt, seine Zukunft läge nicht in der Schauspielerei. Wir sind ratlos. Uns erscheint die Stimme Gottes eine Ausrede zu sein. Verbietet er sich seine offensichtliche Neugierde auf die Schauspielerei und unser Projekt vor der Gemeinde? Oder misstraut er uns wirklich? Wir rufen den Pastor an, hoffen er könnte uns helfen, aber es wird nur komplizierter: Nele trage „unangemessene Kleider“ und die Jungs kämen in Bermudas in die Kirche. Man habe uns hinter der Kirche Bier trinken gesehen. Niemand wisse, wer mit wem verheiratet sei und wovon wir leben, ob wir überhaupt echte Deutsche seien und ob wir die Kamera nicht „für Teufelswerk“ einsetzten. Am Ende sagt er, wir sollten nie wiederkommen.
Mai 2011
Wir begreifen, dass die Probleme, die mit unserem Auftauchen in Aurora angefangen haben, Teil eines größeren Konflikts sind: dem zwischen Stadt und Land. Dieser Konflikt ist so alt wie die Unabhängigkeit Argentiniens, aber bis heute akut. Damit es weitergeht, brauchen wir institutionelle Hilfe. Zurück in Buenos Aires treffen wir uns mit dem Präsidenten der argentinischen Baptisten. Er interessiert sich für Ricardo, der aus der Kolonie kommt und Pastor werden will. Außerdem glaubt er, es ist gut für die Kolonisten, ein bisschen Zeit mit jungen Leuten zu verbringen, die einen Film machen. Er sagt, sie könnten ihm ein Stipendium geben, um in Buenos Aires an einem offiziellen Institut Theologie zu studieren. Wir denken, dass das Stipendium Ricardo als Rechtfertigung vor der Gemeinde nützen könnte, um den Film zu machen. Wieder rufen wir den Pastor an. Als er Neles Stimme hört, will er auflegen, aber als wir das Stipendium erwähnen, sagt er, wir sollen uns treffen.

September 2011
Zurück in Misiones. Zu der Verabredung mit dem Pastor kommen wir in unserer besten Kleidung. Wir haben einen Empfehlungsbrief der Baptistenzentrale und Dokumente über unsere Identität dabei: Universitätszeugnisse, unsere Heiratsurkunde, Fotos von Nele mit ihrer Familie in einem Blumengarten in Deutschland und Zeitungsartikel über Gerardos Theaterstücke. Der Pastor zeigt sich uns gegenüber ruhiger. Er lädt uns zum Gottesdienst ein.
An diesem Sonntag spricht Gerardo wieder in der Kirche. Die Wörter, die er am meisten benutzt, sind: Fehler, Endschuldigung, Kultur, Regeln und Respekt. Am Ende zeigt er den Empfehlungsbrief, dann spricht der Pastor und sagt etwas Unerwartetes: Wir werden abstimmen, und zwar jetzt. Wer will, dass dieser Film gemacht wird, hebt die Hand. Erst bleibt alles still, dann recken sich zögerlich die Arme in die Höhe. Zuerst zwei, dann fünf, 20, 50, schließlich alle.

Oktober 2011
Wir schreiben ein loses Drehbuch. Das Stipendium könnte ein geeignetes dramaturgisches Mittel sein, um unser Verhältnis, das zwischen Filmemachern aus der Stadt und Kolonisten in Misiones, zu erzählen. Dieses Verhältnis und nicht „das Andersartige“ der Kolonisten soll im Zentrum des Filmes stehen. Wir möchten erzählen von den Reaktionen, die wir mit unserem Filmprojekt ausgelöst haben, und von ihrer Reaktion auf unsere Reaktion. In Argentinien begegnen sich die Hauptstadt und die Provinzen mit Ignoranz, und unsere Konflikte zeigen diese Teilung. Eine der ersten Szenen ist zwischen Ricardo und seinem Professor aus dem Institut in der Provinzstadt. Er sagt Ricardo, dass „die vom Film“ ihm ein Stipendium anbieten, um in Buenos Aires zu studieren. Während des Drehs und innerhalb des Filmes hat Ricardo Zeit sich zu überlegen, was er mit diesem Angebot anfangen möchte.
November 2011
Als wir zu drehen beginnen, diesmal mit Team, passiert wieder etwas Unerwartetes: Ricardo kommt nicht. Sein Vater lässt ihn nicht gehen, er muss auf dem Feld helfen. Wir bieten Ricardos Vater Tagelöhner zum Ersatz an. Er winkt ab: das sind alles Trinker, Indianer. Schließlich schlägt Gerardo vor selbst helfen zu können. Fortan erntet er gemeinsam mit Ricardo jeden Morgen Ananas, spritzt Gift und hängt Tabak zum Trocknen auf. Um 11.30 Uhr essen wir Mittag, nachmittags drehen wir. Sonntags gehen wir in die Kirche. Den halben Tag sind wir jetzt protestantische Bauern entfernt deutscher Abstammung, nachmittags werden sie zu Filmdarstellern: ferne Wesen, die laufen, beten und über Wasser gehen, zwischen ihnen körperlose Filmemacher, die sie begleiten, auf Leinwänden, die von irgendwoher beschienen werden.  

SCREENINGDATEN: RICARDO BÄR (Argentinien 2013)
VIENNALE
Montag, 4. 11., 18:30 im Stadtkino im Künstlerhaus
Dienstag, 5.11., 16:00 in der Urania 

DUISBURGER FILMWOCHE
Freitag,  8.11., 20:00 im Kino am Dellplatz 
(Eingestellt von Nicolas)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen