Montag, 7. Dezember 2015

REVOLVER LIVE! (48): AXELLE ROPERT – DAS IDEAL KLASSISCHER FILMKUNST



Axelle Ropert, Jahrgang 1972, ist eine zentrale Figur des neuen französischen Kinos. Sie macht Filme, schreibt über Filme und spielt in Filmen. Axelle Ropert ist darüber hinaus auch die Drehbuchautorin der Filme von Serge Bozon. Ihre Filmkritiken sind erschienen bei Trafic, Cahiers du cinéma, Cinema Scope und Les Inrockuptibles, von besonderer Bedeutung als Arbeits- und Gruppenzusammenhang ist die langjährige Tätigkeit für die Zeitschrift La Lettre du cinéma (1998 bis 2005). Aus dieser Zeit stammt die Nähe zu Filmemachern wie Jean-Charles Fitoussi, Pierre Léon, Jean-Paul Civeyrac, Jean-Claude Biette, Marie-Claude Treilhou und Paul Vecchiali. 

Zur Handschrift von Axelle Ropert gehört ihre Vorliebe für Humor, musikalische Intervention und eine Lust am Text, die sich in präzise geschriebenen Dialogen und novellistischer Erzählweise äußert. Oft geht es um Gruppen, Cliquen oder Familien, um Abschiede oder Brüche. Ihr Kino wendet sich gegen die in Frankreich lange Zeit dominanten Formen des filmischen Naturalismus.

Über Chantal Akermans Film DEMAIN ON DÉMENAGE (Morgen ziehen wir um) schrieb Ropert: „Nie ist man fröhlicher gestimmt weiter in die absolute Düsternis vorgedrungen.“ Reibungs-phänomene einer historischen Last und einer dieser Last unbewussten „verrückten Sprache“ interessieren Ropert im Sinne einer Poetik der Autoren, wie sie Jean-Claude Biette programmatisch in den Cahiers du cinéma gefordert hat. Referenzpunkt ist dabei immer wieder die klassische Epoche der Filmkunst nach Eric Rohmers Definition, also das Hollywood-Kino der vierziger und fünfziger Jahre.

Mit diesem Gespräch setzt Revolver den deutsch-französischen Dialog fort, der mit Serge Bozon (Revolver Live! #42) begonnen hat. Ihre Spielfilme nach eigenem Drehbuch LA FAMILIE WOLBERG (Trailer) und TIREZ LA LANGUE, MADEMOISELLE (Trailer) werden im Rahmen der Französischen Filmwoche Berlin im Kino Arsenal gezeigt. 


So 13.12.2015, 17.30 hArsenal.

Werkstattgespräch Axelle Ropert
Moderation: Marcus Seibert (Revolver)
In französischer Sprache, übersetzt ins Deutsche von Saskia Walker (Revolver)

Im Anschluss an das Gespräch gibt es um 19:30 Uhr ein Screening von Axelle Roperts erstem Langfilm LA FAMILLE WOLBERG.

Arsenal Kino 1
Potsdamer Straße 2  
10785 Berlin 


Eintritt: 3 Euro

Eine Veranstaltung der Filmzeitschrift REVOLVER im Rahmen der 15. Französischen Filmwoche, mit Unterstützung des Institut Français und des Arsenal – Institut für Film- und Videokunst. Die Werkschau der Filme von Axelle Ropert und Serge Bozon im Arsenal Kino läuft vom 10.-13.12.2015.


Dienstag, 24. November 2015

TANKRED DORST ZUM NEUNZIGSTEN

© Franzi Kreis 2014

Zum 90. Geburtstag des Autors, Dramatikers und Filmemachers Tankred Dorst – die Anlässlichkeit ist ihm zwar immer lästig, aber schön ist es doch – veranstalten die Berliner Festspiele am 6.12.2015 eine Hommage, an der auch [Revolver-Herausgeber] Christoph Hochhäusler und Nicolas Wackerbarth teilnehmen werden. (Der eigentliche Geburtstag ist der 19.12.)

Aus diesem schönen Grund anbei das Interview mit Dorst und seiner Schreib- und Lebenspartnerin Ursula Ehler, das wir 2008 in Revolver Heft 18 veröffentlicht haben, als „Bonus” unserer DVD-Veröffentlichung von Dorsts Debütfilm „Klaras Mutter”. 

Erinnert sei auch an Heike Hursts (†) schöne Einführung in das filmische Universum Dorsts, die dort nachgelesen werden kann.


Revolver
Sie arbeiten seit 1971 zusammen. Ganz konkret: Wer geht, wer sitzt, wer schreibt, womit, wie viel Uhr? (Allgemeines Gelächter)
Ursula Ehler
Vormittags, meistens. Wir schreiben mit der Hand auf, und dann reden wir sehr viel über die Leute. Eigentlich gehen wir mit den Figuren so um wie mit Menschen, die wir kennen, die wir nicht leiden können oder sehr leiden können, und das ist so eine Art von, wie heißt das ...
Tankred Dorst
... allmählicher Verfertigung der Gedanken beim Reden.
UE: Ja, das meine ich. Keiner von uns schreibt gern Schreibmaschine, aber meistens schreibt dann Tankred doch das Tagespensum ab. Wir haben immer noch etwas steinzeitliche Verhältnisse, keinen PC. Das Maschinengeschriebene wird korrigiert, und dann geht das an eine Frau, die es auf ihrem PC perfekt abschreibt. Manchmal gefällt es ihr, dann freuen wir uns, manchmal gefällt es ihr nicht, dann sind wir irritiert. Für den nächsten Arbeitsgang ist es gut, dass das Manuskript durch die andere Schrift, das perfektere Bild, etwas fremd ist, wenn wir es wieder in die Hand nehmen. Tankred bereitet oft vor, er schreibt zum Beispiel seine Idee für eine bestimmte Szene auf, und den konkreten Dialog schreiben wir dann zusammen. Wir schreiben immer in so schmale, hohe Hefte, weil Tankred schlanke Dialoge haben möchte. Diese Hefte sind inzwischen schwer zu bekommen im Handel.
R: Gibt es Exposés, Treatments? Oder bewegen Sie sich entlang von Figuren?
TD: Das ist verschieden. Wenn der Plot in einer knappen und prägnanten Form im Exposé vorhanden ist, kann man die Geschichte schnell schreiben. Aber es gibt Stoffe, eher Halbgeschichten oder Ambientes, Stimmungen, die sind schwer festzuhalten. Früher gab es das „Wellmade Play“, das gut gemachte Stück, was in England immer noch gepflegt wird. Jeder Dialogsatz soll weiterführen, die Handlung transportieren, soll witzig, politisch, brisant, stückökonomisch sein. Das sind Regeln, die in jeder Drehbuchwerkstatt noch immer gelehrt werden. Meine Stücke entstehen eher auf impressionistische Weise. Man hält einen Moment fest, einen Teil von einem Dialog, ein Bild, einen Fetzen von einem Gespräch. Und dann natürlich der Schluss – ich muss den Schluss haben, auf den alles hinführt.
R: Aber warum wollen Sie der Stringenz entkommen?
TD: Es gab damals, als ich angefangen habe, Stücke zu schreiben, die Bedingung, ein Stück muss Modellcharakter haben. Was auf der Bühne hergestellt wird, soll auf prägnante Weise reflektieren, was in der Welt vorhanden ist. Das war die Zeit von Brecht, Frisch und Dürrenmatt, für mich keine Vorbilder, aber Autoren, die anregend waren. Nach ’68 hab ich gedacht, mit diesem Modell wird unser Blick auf die Menschen zu eng. Er lässt nichts zu, was dramaturgisch unordentlich ist. Man muss die Form offener machen, damit mehr wirkliches Leben reinkommt, das war mir eigentlich immer wichtig, dass man sich nicht zu strikt an einen Handlungsstrang bindet. Ich habe damals viel mit Peter Zadek zusammengearbeitet, den Film „Rotmord“ und „Kleiner Mann – was nun“ und verschiedene Stücke und Entwürfe für Theater, die dramaturgisch gesehen, eher Revuecharakter hatten.
R: Sie haben einmal gesagt, Sie würden an einem einzigen großen Drama schreiben. Gleichzeitig haben Sie gestern erwähnt, Sie würden parallel an vier Dramen arbeiten, und jetzt sagen Sie, Sie fangen immer mit dem Schluss an. Wie muss man sich das vorstellen?
TD: Wir haben zu Hause einen Apothekerschrank. Und in diesem Schrank sind, ich weiß nicht wie viele, ungefähr dreißig Schubfächer. In jedem Fach ist der Plan eines Stücks, oder ein paar Ideen zu einem Stück, oder vielleicht auch nur ein paar Blätter, oder auch schon mal die Rohfassung eines Stückes. Manche Fächer füllen
sich immer mehr an mit Blättern, Einfällen, Ideen, oder Dialogstücken, oder Veränderungen, das Stück arbeitet sozusagen im Schubfach ein bisschen weiter. Andere aber bleiben liegen, da sind zwei Blätter drin, und nach fünf Jahren sind es vielleicht drei oder gar keine neuen mehr. Wenn man mit einem Stoff beschäftigt ist, wenn man ganz in dieser Geschichte aufgeht, darin lebt und seine Fühler ausstreckt, wie die Geschichte weitergehen könnte und was für Motive da vielleicht eine Rolle spielen könnten, dann entwickelt die Sache selber, das geplante Stück, seinen eigenen „Ehrgeiz“.
R: In verschiedenen Einführungen erzählen Sie, die Geschichte von „Mosch“ sei mehr oder weniger Ihre eigene Geschichte, die Geschichte von „Klaras Mutter“ spielt in Ihrer Heimat und so weiter. Wie wird aus Erinnerung Geschichte? Oder wie wird aus Geschichte wiederum Erinnerung, das würde mich interessieren.
TD: Das, was man niederschreibt, holt man nicht aus dem Nichts. Es ist etwas passiert, man hat etwas gelesen oder man hat eine bestimmte Stimmung gehabt. Und meiner Erfahrung nach ist die Vergangenheit, die Kindheit, von einem schreibenden Menschen ganz stark mit dem Werk verbunden. Zum Beispiel „Klaras Mutter“: Die Geschichte spielt 1932/33. Wir wollten versuchen, eine bestimmte Welt, eine bestimmte Atmosphäre herzustellen, wie ich sie aus meiner frühen
Kindheit noch kannte. Diese Stimmung trägt die Handlung nicht nur, sie bringt sie geradezu hervor. Der Szenenbildner Günther Naumann und die Kostümbildnerin Barbara Baum waren ebenso detailversessen wie wir, ein Glücksfall für diesen Film. In einem Milieu,wie wir es herstellen wollten, ist es eben wichtig, dass Klaras Strickjacke an den Bündchen mit andersfarbiger Wolle angestrickt ist. Früher wurde nicht weggeworfen, sondern angestrickt. Wir wollten den Film in meinem Heimatdorf drehen, in Oberlind bei Sonneberg in Thüringen, hinter der damaligen DDR-Grenze. Das wurde von den Behörden leider nicht erlaubt. Ich bin dann mal dort gewesen. Dieser Ort sah immer noch aus wie 1937. Es hatte sich nichts verändert. Und ich erinnerte mich an viele Details, die es im Westen nicht mehr gab. Das seltsame surrende Geräusch einer handbetriebenen Taschenlampe in einer dunklen Straße. An unserem Drehort in Franken mussten wir die asphaltierte Straße, Zäune, Straßenlaternen, Hausfassaden zurückwandeln, die alte Zeit, die frühen dreißiger Jahre, in der die Geschichte spielt, wieder herstellen. Klaras Mutter ...


Tankred Dorst mit der Kostümbildnerin Barbara Baum; 
Dreharbeiten zu „Klaras Mutter”, 1977.


R: Sie war eine Nachbarin? Ist das der Nukleus des Films?
TD: Ich habe sie nicht mehr gekannt, aber in meiner Kindheit wurde viel von Klara und ihrer Mutter erzählt.
Jeder kannte sie im Dorf. Aber diese Frau ist nicht wie im Film ertrunken oder ertränkt worden. Sie hatte so ein vegetarisches, selbst erfundenes, kommunistisches Weltbild (Lachen im Publikum), und dazu gehörte, dass der Mensch nicht krank wird, wenn er richtig lebt. Sie hatte aber Tuberkulose, hat aber keinen Arzt ins Haus gelassen. Die Tochter, Lehrerin, ist ausgezogen, sie hätte sonst wegen der Ansteckungsgefahr nicht weiter unterrichten dürfen. So ist ihre Mutter in dem verriegelten Haus schließlich allein gestorben.
R: Der Kern eines Dorst-Dramas: Jemand, der Tuberkulose hat und sagt: Nein! Ich bin gesund! Das ist ja eigentlich schon dieses typische „Ich träume gegen die Welt“.

Mittwoch, 28. Oktober 2015

ERROL MORRIS ON ADAM CURTIS

One of the most interesting things about documentary, non-fiction, journalism, whatever you want to call it — it can be a self-invented genre with few rules other than a need to tell the truth, or at least the need to make an effort in that direction. As a result, documentary filmmaking has become a heterogeneous enterprise. Diary films, agitprop, interviews, narrated slideshows. The greatest practitioners have reinvented the genre for themselves: Vertov, Marker, Herzog, Wiseman — these are my heroes. But I have a new hero: Adam Curtis.

Each of his (often) multi-part, programs for the BBC have been unique. I’m fempted to say, sui generis.  Of course, there are historical antecedents, but I like to think of his work as having emerged, fully-formed, from the head of Curtis. My introduction came in The Power of Nightmares. I found myself learning things that I knew nothing about, like “Team B” or Sayyid Qutb. Yes, there is pedagogic element, but they are far from instructional videos or attempts to play to the church choir. They are carving up the landscape of history in new and unexpected ways  And they give a picture of the people who create history and who often, as a result, make up history out of whole cloth. The title itself, The Power of Nightmares, is a paean to the orphic power of ideas. Ideas that frame, ideas that coerce, ideas that undermine, ideas that transform. All melded into an assortment of interviews, found footage from the BBC archive, and popular music.


But it is not just the content. Who would like a movie if it were content alone? It is also the style. At times, almost an anti-style. Chairs piled up higgledy-piggledy in an empty classroom. Bad institutional decor celebrated in its own right. Seemingly meaningless details that take on a strange, auspicious character of their own. A light switch in the middle of a wall. And the ubiquitous found footage is rarely, if ever, show-and-tell. Instead, the music and found footage combine flirts with randomness that never embraces it. A chaos of rich associations and connections.
 

If the underlying theme is 'context is everything,' the style of the art repeatedly underlines this premise. And guess what? Curtis keeps getting better and better. I shudder to think what might happen if he continues on like this for another twenty years.
 

Allow me to cite one example: the sequence in Bitter Lake that plays over Kanye West’s “Runaway.” An Afghani man playfully shows off his martial arts moves for the camera while outfitting a UNICEF tent. We follow him from the tent and seamlessly into a muzzy landing zone, a rotor-generated sandstorm swirling across a line of kneeling soldiers in an empty expanse. Then, a Taliban video in which a shrouded mujahid tells us to look into our own history if we truly want to understand the conflict there. ​
 

Ah. And the best part? There is never, not ever, a flirtation with facile hopefulness. This is the world as it is. Unredeemed.

Errol Morris


(via Telluride Film Festival - Tom Luddy)

Donnerstag, 8. Oktober 2015

CRISTINA NORD - DER TIGER AUF DEM BAUM

REVOLVER 14 
 
Im April vergangenen Jahres widmete das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel im schweizerischen Nyon eines seiner Ateliers einem Filmemacher, dessen Arbeit mir sehr am Herzen liegt. Es handelt sich um Apichatpong Weerasethakul, einen 1970 geborenen Thailänder, der nicht nur fürs Kino, sondern auch als Videokünstler arbeitet, sich also im Grenzbereich von Kunst und Kino bewegt. Im Vorjahr, im Frühling 2004, lief sein Film "Tropical Malady" im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes; es gelang mir damals, einen Interviewtermin mit dem Regisseur zu bekommen, und seither suchte ich nach einer Gelegenheit, diese Begegnung und meine Faszination für Weerasethakuls Filme in einem Zeitungstext wiederzugeben. Weil der Abdruck eines solchen Textes ohne Anlass in einer Tageszeitung unüblich ist, kamen mir die Visions du R˛el gerade recht: Indem ich auf die Schweizer Werkschau verwies, konnte ich das Porträt Weerasethakuls in der Zeitung platzieren. Einige Monate später fand ein kleiner deutscher Verleih den Mut, "Tropical Malady" in die Kinos zu bringen. Eine glückliche Geschichte mithin, an deren Rand sich jedoch eine nicht ganz so glückliche Petitesse zutrug. Was nämlich nicht gelang, war, mit einer Ankündigung auf der Seite eins auf das Porträt im Feuilleton hinzuweisen. "Warum nicht?" wollte ich vom zuständigen Redakteur wissen. "Den kennt doch keine Sau", antwortete er. Wäre es um Steven Spielberg oder um Peter Jackson gegangen, ein Hinweis auf Seite eins hätte kein Problem dargestellt. Bei einem unbekannten Regisseur ist das anders: Der wird im Kulturteil einer Zeitung vielleicht eben noch geduldet, nicht aber auf der ersten Seite. Da macht die "taz" keine Ausnahme.

Ich erzähle diese kleine Anekdote, um zu veranschaulichen, dass Filmkritik umso weniger Freunde hat, je weiter sie vom Pfad des Blockbuster-Kinos abweicht. Das hat zu tun mit etwas, was man recht allgemein Strukturwandel der Öffentlichkeit nennen kann – konkreter bedeutet es zum Beispiel, dass sich die Feuilletons heute mehr als vor 20 Jahren an Ereignissen und Events ausrichten, an dem, was ohnehin durch grossflächige Marketingmassnahmen präsent ist. "Star Wars", "Der Untergang" und "München" bündeln die Aufmerksamkeit, und wenn in diesen Wochen "Das Leben der Anderen" landauf, landab als erste valide filmische Auseinandersetzung mit dem Thema Staatssicherheit gefeiert wird, erinnert sich schon niemand mehr, dass es vor zwei Jahren einen ausgezeichnete Essayfilm zum selben Thema gab: "Aus Liebe zum Volk" von Eyal Sivan und Audrey Maurion. Gegen das grosse Erzählkino mit den Stars und den schmachtenden Blicken kommt ein Essayfilm nichtan, so klug er auch sein mag.

Zu dieser Kurzatmigkeit kommt ein Verschulden der Kritiker, haben doch viele von ihnen gar keine Lust, sich auf unerschlossenes, unwegsames Terrain zu begeben. Als etwa Vincent Gallos Roadmovie "The Brown Bunny" 2003 in der Zweistundenfassung im Wettbewerb von Cannes lief, waren die Reaktionen der Kritiker schon während der Pressevorführung vernichtend, und als Romuald Karmakar im Folgejahr sein Kammerspiel "Die Nacht singt ihre Lieder" im Wettbewerb der Berlinale vorstellte, ereilte ihn dasselbe Schicksal: Unflätige, empörte, tuschelnde, johlende, buhende Filmjournalisten wollten partout nicht bis zum Abspann warten, um ihr Unverständnis zu äussern. Es ist derselbe Reflex, den Roland Barthes vor knapp 50 Jahren in seiner Notiz "Stumme und blinde Kritik" beschrieb: "In Wahrheit ist jeder Vorbehalt gegenüber der Bildung Ausdruck einer terroristischen Position. Den Beruf eines Kritikers ausüben und verkünden, dass man nichts vom Existentialismus oder Marxismus verstehe (denn durch eine ausdrückliche Feststellung sind es insbesondere  diese beiden Philosophien, von denen man sagt, dass man sie nicht begreife), heisst seine eigene Blindheit oder seine eigene Stummheit als universale Regel der Wahrnehmung aufstellen, heisst den Marxismus und den Existentialismus aus der Welt verbannen: "Ich verstehe es nicht, also seid ihr dumm.'" Ersetzen Sie Existentialismus durch nicht-narrative Filmlogik, Marxismus durch theaternahe mise en scene, und Sie können Barthes' Text als Analyse gegenwärtiger Borniertheiten begreifen.

Es ist dies eine seltsame Tendenz, und sie erstaunt mich umso mehr, als das Kino für mich  ein privilegierter Ort der Fremderfahrung ist. Ins Kino zu gehen und Unvertrautes zu sehen, gehört für mich untrennbar zusammen. Auf der Leinwand vergrössert sich die Welt, vervielfältigen sich die Genüsse und Erkenntnismöglichkeiten. Mag die Verwandtschaft von Kino und Reisen ein wenig überstrapaziert sein, mag man sich, sobald man sie anführt, in den zu grossen Fussspuren Serge Daneys bewegen, wirksam und aufschlussreich ist diese Analogie dennoch, insofern beides, das Kino wie die Reise, Unvorhergesehenes mit sich bringt, insofern beides überfordert, die Sinne anregt und anstrengt, vielleicht überanstrengt, aber zugleich Neugier entfacht, das Denken und die Wahrnehmung herausfordert. Ich habe so vieles im Kino zu sehen und zu verstehen gelernt, Dinge, die ich um keinen Preis missen möchte, weil sie zu meiner ˛ducation sentimentale wie zur Schulung meiner Wahrnehmung beitrugen: wie der Schimmel in Georges Franjus "Le sang des b°tes" in die Knie geht, nachdem der Schlachter ihm die Kugel verpasst hat; wie in Jean Rouchs "Les maÓtres fous" die westafrikanischen Wanderarbeiter sich versammeln, um in der Trance, im religiösen Ritual mit den Erfahrungen von Kolonisierung und Modernisierung umzugehen; wie in Chantal Akermans "De l'autre cªt˛" die mexikanischen Flüchtlinge als weisse Schemen über die Grenze in die USA ziehen; wie die Bäuerinnen in Lav Diaz' "Evolution of a Filipino Family" die Büffel in endlosen Plansequenzen durch das Bild treiben; wie Volker Spengler in der Rolle der transsexuellen Elvira in Rainer Werner Fassbinders "In einem Jahr mit 13 Monden" durch ein kaltes Frankfurt irrt; wie der Tiger in Apichatpong Weerasethakuls "Tropical Malady" von der Leinwand hinunterblickt; wie ... Die Liste könnte ewig so weiter gehen. Und statt sich all diesem Reichtum anheimzugeben, wollen alle immer nur "Star Wars"?

In den USA, klagt die Kritikerin und Kuratorin B. Ruby Rich, reicht dies so weit, dass ausländische Filme ein trauriges Schattendasein fristen. Die grosse Mehrheit der US-Amerikaner guckt sie nicht. Den Grund dafür sieht Rich weniger in der Faulheit, Untertitel und Bild gleichzeitig zu verfolgen, sondern in einer verhängnisvollen Einsprachigkeit: "Monolingualism posits a monocultural world, one where "our' values are not merely dominant but genuinely shared and undisputed. A childlike image of the world, it is an image of the self unwounded by the other, a self uninformed by the other, oblivious to its status, inured to its needs, cozy in a cocoon of what once upon a time was called ethnocentrism and now, borrowing a term from queer studies in order to change it, might be known instead as imperial normativity." Wer seine Weltanschaung nie mit etwas konfrontiert, was ausserhalb davon liegt, kapselt sich ein; wer seine Wahrnehmung nie mit der Wahrnehmung eines Gegenübers abgleicht, regrediert. Was bleibt, ist das narzisstische Vergnügen, sich nichts Neuem auszusetzen.

Der in Chicago lebende Kritiker Jonathan Rosenbaum beschreibt in seiner Streitschrift "Movie Wars. How Hollywood and the Media Limit What Movies We Can See" die Kehrseite zu dem von Rich konstatierten Mangel: den Überfluss an Filmen, die trotz ihrer Mässigkeit ein grosses Echo in der Presse finden. Filmkritik und Filmmarketing, so Rosenbaum, seien im Begriff, ineinander überzugehen. Wo Drehberichte und Porträts von Regisseuren oder Stars die Filmberichterstattung beherrschen, rückt das kritische Urteil in den Hintergrund, und zugleich verhält sich der Marketingetat einer Filmproduktion proportional zur Aufmerksamkeit, die ihr gezollt wird. Wenn es an der Tagesordnung ist, Filmjournalisten auf Kosten der Produktionsfirmen an Drehorte oder zum Interviewtermin reisen zu lassen, gehört die Unabhängigkeit des Kritikers der Vergangenheit an. Rosenbaum notiert: "This isn't to say that critics aren't free to express their dislike for certain expensive studio productions; what they aren't free to do, in most cases, is to ignore these releases entirely or focus too much of their attention on films whose advertising budgets automatically make them marginal in relation to the mainstream media." Schwer hat es, wer vor diesem Hintergrund seine filmästhetischen und filmgeschichtlichen Vorlieben pflegen möchte. Die Nonchalance, über einen schlechten Neustart hinwegzugehen, muss man sich genauso wie den Einsatz für Experimentelles, Sperriges leisten können – Schmuggler muss man werden.

Ganz so weit ist es hier noch nicht. Richs These etwa lässt sich allein schon deshalb nicht umstandslos auf die Situation hier übertragen, weil wir an US-amerikanische Filme gewöhnt sind und dadurch eine Fremderfahrung als Alltagserfahrung geniessen. Unsere Kinoerfahrung ist mithin immer schon zweisprachig. Es geht mir auch nicht darum, das europäische Kino gegen die Hegemonie Hollywoods stark zu machen – das hat das europäische Kino umso weniger verdient, je tiefer es im Arthouse-Einerlei versinkt. Es ist auch nicht so, dass man in den hiesigen Zeitungen keine Rezensionen zu "Tropical Malady" lesen könnte, sobald der Film ins Kino kommt. Das Problem ist eher, dass es viele Filme wie "Tropical Malady" gibt, die nie ins Kino kommen, und dass der Raum zur filmkritischen Reflexion jenseits der Neustarts knapp bemessen ist. Da Neustarts meist das Erzählkino privilegieren und damit eine Filmkritik hervorbringen, die sich dem Psychologisieren und dem Nacherzählen verschreibt, entsteht die Monokultur, die mich betrübt. Durch den Hang zum Event im Medien- und Kulturbetrieb wird diese Entwicklung hin zur Einförmigkeit vorangetrieben.


Dagegen, denke ich, sollte eine Filmkritik, die auf sich hält, sich wehren. Ohne heroischen Avantgardegestus, ohne Besserwisserei und Sektiererei, dafür mit Beharrlichkeit und vor allem mit Leidenschaft, Neugier und Offenheit. Umso erfreulicher, dass die Filmkritik in Gestalt der DVD-Kritik eine kleine Schwester bekommen hat. Wenn diese den Reichtum von Filmgeschichte und –gegenwart wachhält, spürt hoffentlich auch jene den Drang, mehr wagen und wissen zu wollen.


Prägende Lektüre für Cristina Nord / Literaturempfehlungen:

Roland Barthes: "Stumme und blinde Kritik", in: R. B.: Mythen des Alltags, Frankfurt/ Main, edition suhrkamp, 2003, S. 33-35.

B. Ruby Rich: "To Read or not to Read: Subtitles, Trailers, and Monolingualism", in Atom Egoyan, Ian Balfour (ed.): "Subtitles. On the Foreignness of Film", Massachusetts Institute of Technology Press, Cambridge, London, 2004, S. 153-169.

Jonathan Rosenbaum: "Movie Wars. How Hollywood and the Media Limit What Movies We Can See", A Cappella Books, Chicago, 2000.

ZUM ABSCHIED VON CRISTINA NORD


Ich habe gestern ein kleines Interview mit Cristina Nord gemacht, die seit einer Woche nicht mehr bei der taz arbeitet. Weil ich das Filmfeuilleton, das sie seit 2002 verantwortet hat, besonders geschätzt habe, ist ihr Weggang eine ziemlich traurige Nachricht für mich. Ich finde, Nord ist das Kunststück gelungen, Haltung zu zeigen und dabei offen zu bleiben. An ihren eigenen Texten, ganz besonders in den Festivalberichten, gefiel mir die Klarheit. Nicht dass es ihr an Leidenschaft gefehlt hätte – für das Kino Apichatpong Weerasethakuls oder Lisandro Alonsos etwa – aber ihr Blick trübte dabei nicht ein, barocker Überschwang war ihr ebenso fremd wie ideologische Starre. Besonders bewundert habe ich ihre uneitle Orchestrierung eigenwilliger Stimmen – in einer stilistischen und thematischen Vielfalt, wie man sie in anderen Tageszeitungen nicht findet. Autoren wie Ekkehard Knörer, Bert Rebhandl, Diedrich Diederichsen, Claudia Lenssen, Andreas Busche, Isabella Reicher, Dominik Kamalzadeh, Thomas Groh, Lukas Foerster, Carolin Weidner und andere kamen bei ihr regelmässig zu Wort. Im Zusammenhang entstand so ein hochsensibler Resonanzraum für Tendenzen des Gegenwartskinos, gut informiert, aber ohne Hang zu cinephiler Esoterik. Danke! Bleibt zu hoffen, dass die taz ihre Nachfolge klug regelt. Cristina Nord wird nach Brüssel ans Goethe-Institut wechseln, um dort Kulturprogramme für Südwesteuropa zu gestalten. Ich wünsche ihr viel Glück dafür. Das Interview transkribiere ich bei Gelegenheit und werde es hier und auf unserer Facebook-Seite öffentlich machen.
Christoph Hochhäusler

Mittwoch, 7. Oktober 2015

REVOLVER LIVE! (47): ADAM CURTIS – ON THE INVISIBILITY OF MODERN POWER


Über die Unsichtbarkeit moderner Macht.                          (English version below)

Adam Curtis im Gespräch mit Christoph Hochhäusler und Nicolas Wackerbarth

Im Rahmen des „Adam Curtis Weekend


Der demokratischen Idee wesentlich ist die Vorstellung, dass Sichtbarkeit Kontrolle ermöglicht. Das „Licht der Öffentlichkeit” soll eine hygienische Funktion haben gegenüber der Macht, sie zwingen, eine Erzählung zu produzieren, die angreifbar ist. In Zeiten „alternativloser” Systemzwänge aber ist diese Erzählung ins Stottern geraten; zu viele der prägenden politischen Ereignisse der letzten Jahre erscheinen als krisenhafte Ausnahmen ohne konkrete Akteure. 

Adam Curtis, einer der schärfsten politischen Beobachter unserer Zeit, wird mit uns über die Frage sprechen, wie es der Macht gelingen konnte, sich unsichtbar zu machen und welche Techniken wir entwickeln müssen, um den Verhältnissen zu neuer Sichtbarkeit zu verhelfen. Wie sollen wir erzählen im Zeitalter der Algorithmen? 


Vortrag mit Videoausschnitten. Anschliessend Diskussion mit Adam Curtis, Christoph Hochhäusler und Nicolas Wackerbarth.

(In Englischer Sprache)


Fr 30.10.2015, 19:30 / HAU1

HAU Hebbel am Ufer 
Stresemannstr. 29
10963 Berlin

Karten:

Tel. +49 (0)30.259004 -27
E-mail tickets@hebbel-am-ufer.de

Eine Veranstaltung der Filmzeitschrift REVOLVER in Zusammenarbeit mit HAU Hebbel am Ufer.

Im Anschluss an das Gespräch gibt es um 21:30 Uhr ein Screening von Adam Curtis aktuellem Film "Bitter Lake"



P.S.: Viele Filme von Adam Curtis sind im Netz verfügbar, zum Beispiel hier. Auch den Besuch seines Blogs können wir sehr empfehlen.



DER GAST:

Adam Curtis
Geb. 1955 in Dartford (Großbritannien). Journalist und Filmemacher. Studium: Humanwissenschaften in Mansfield College, Oxford. Dort eine Zeitlang auch als Dozent tätig, bevor er zur BBC geht. Filme (Auswahl): „Inquiry: The Great British Housing Disaster” (1984), „An Ocean Apart. Episode 1 ‚Hats Off to Mr. Wilson‘” (1988), „Inside Story: The Road To Terror.” (1989), „Pandora’s Box” (1992, Dokumentarserie), „The Living Dead” (1995, Dokumentarserie), „25 Million Pounds” (1996), „The Way of All Flesh” (1997), „The Mayfair Set” (1999), „The Century of the Self” (2002), „The Power of Nightmares” (2004, Drei Teile), „The Trap: What Happened to Our Dream of Freedom” (2007), „All Watched Over By Machines of Loving Grace” (2011), „Bitter Lake” (2015).


DIE MODERATOREN:

Christoph Hochhäusler
Geb. 1972 in München. Autor, Regisseur. Revolver-Gründer und Mitherausgeber. Studium: Architektur an der TU, Berlin; Filmregie an der HFF, München. Filme (Auswahl): „Milchwald“ (2003), „Falscher Bekenner“ (2005), „Séance“ (Kurzfilm, Teil des Omnibusfilmes „Deutschland ’09“), „Unter Dir die Stadt“ (2010), „Eine Minute Dunkel“ (Teil der Trilogie „Dreileben“, zus. m. Christian Petzold und Dominik Graf, 2011), „Die Lügen der Sieger“ (2014).


Nicolas Wackerbarth
Geb. 1973 in München. Regisseur, Autor, Schauspieler. Revolver-Mitherausgeber. Studium: Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie München; Filmregie an der DFFB, Berlin. 1996–97 Schauspiel Frankfurt, 1997–2000 Städtische Bühnen Köln. Filme (Auswahl): „Anfänger!“ (TV, 2004), „Westernstadt“ (Dok., 2005), „Halbe Stunden“ (Kurzfilm, 2007), „Unten, Mitte, Kinn“ (2011), „Halbschatten“ (2013).

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Dienstag, 6. Oktober 2015

MEIN TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT: MALALAI

Ein afghanisches Gemeindefest.


Keine Ahnung, was auf mich zukommt. Als ich den Saal in der HFBK betrete liegt köstlicher Reisduft in der Luft. Ich sehe hohe Wände mit Jugendstilgemälden, zwei Bühnen, an jedem Ende des Raumes eine, die zwecks Filmprojektion mit Leinen verhängt werden können. In der Mitte festlich gedeckte Tische für etwa 200 Gäste, ein langes Buffet mit afghanischen Spezialitäten, von Malalai gekocht und von Gästen mitgebracht. Der Saal füllt sich schnell und ist bald brechend voll. Es wird warm und ich bin nicht mehr länger in Hamburg, sondern mitten im Orient gelandet. Lautes Stimmengewirr verschiedener Sprachen, die ich sämtlich nicht beherrsche. Initiiert wurde das Ganze von dem Künstlerkollektiv PARALLELAKTION, die spartenübergreifend Kunstprojekte auf die Beine stellen und hier mit 16 Jugendlichen, 14 Jungen und zwei Mädchen, zusammen gearbeitet haben. Sie sind zwischen 3 und 9 Monaten bereits in Hamburg – unbegleitet. Sie sind in Einrichtungen untergebracht, lernen Deutsch. Manche warten auf ihre Familien, andere nicht. Sie kommen aus Afghanistan.

Die Bühnen mit Teppich und Sitzkissen muten wie orientalische Picknickpodeste an, die Jungs sitzen im Halbkreis, einer singt und spielt Hammonium, ein anderer trommelt, die übrigen klatschen und singen leise mit. Im Wechsel wird auf beiden Bühnen in unterschiedlichen Darstellungsformen die Geschichte von Malalais Weg nach Deutschland erzählt, eingerahmt von musikalischen Einlagen - kleinen, wundervollen Konzerten der Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren. Der Charme dieser Veranstaltung, die von der Energie der Jugendlichen getragen wird, zieht mich in seinen Bann. Einer der Höhepunkte ist das Puppentheater. Die Episoden werden im Stehen mit viel Mutterwitz gespielt, den man sogar ohne Sprachkenntnis fast verstehen kann. Die Klappmaulpuppen, jede mit einem orientalischen Charakteristikum versehen, haben die jungen Afghanen/innen selbst gebaut. Wieder Musik. Diesmal mit Tanz. Ein Lied muss ein Hit sein, denn der Saal tobt, die Tänzer legen noch eine Schippe drauf und unsere Herzen gehören ihnen.


Das letzte Video: Malalai will diese jungen Menschen nicht vergessen, also hat sie ihre eigene Videokamera mitgebracht und filmt diese kraftvolle, begabte Bande. Jeder sitzt abwechselnd auf einem Hocker, sagt Name, Herkunft, Alter. Malalai bittet sie Deutsch zu lernen, damit sie schnell im Bildungssystem Fuß fassen, Abitur machen und studieren können. Das wünscht sie sich von ganzem Herzen. Scheu legen die 16 das Versprechen ab.

Nach 2 ½ Stunden ist die Vorstellung vorbei, aber das Fest ist es noch lange nicht. Kaum einer will hier schon gehen, auch mir ist mittlerweile die Musik vertraut und von der geballten Lebenskraft, dieser beglückenden Ausstrahlung, die von den 16 Energiebündeln immer wieder von beiden Bühnen ins Publikum geströmt ist, bin ich ein bisschen afghanisch besoffen. Sie sind hier heute nicht angetreten, um auf sich aufmerksam zu machen als junge afghanische Flüchtlinge. Sie haben gearbeitet, geprobt, an vielen Nachmittagen bis spät in den Abend, um an diesem 3. Oktober zu zeigen, was und wo jetzt ihre Koordinaten sind, ihre Anknüpfungspunkte in diesem neuen Land.

Karime Vakilzadeh - Bloggerin

AKTIVITÄTEN DER MITGLIEDER: MALALAI von PARALLELAKTION

(nic)

Freitag, 2. Oktober 2015

INTERVIEW WITH NATHAN SILVER

Hannes Brühwiler: When I first met you, you mentioned that you would have loved to be a poet in the 19th century. Do you see yourself more as a writer?

Nathan Silver: No. When I was 12 I started reading Rimbaud's poetry and I fell in love with it. And so I learned French around that time and I wrote hundreds of poems in French. So I went to live in France when I was around 16 for high school and when I got there I thought everyone would be obsessed with Baudelaire and Rimbaud and all these guys, but the people there were like, oh yeah, Baudelaire and Rimbaud. And I got really disillusioned. So while I was there I went to the theatre, I started reading Artaud and all these people. And then when I was in college I did an internship for Richard Foreman. You know Richard Foreman? In high school I'd seen one of his plays when I was visiting my brother in New York and I thought he's obsessed with the same kind of poets as me. So I thought, oh I got to work for this guy. So while I was in school I did an internship for him and he told me theatre’s dead, nobody comes to see my plays anymore and I've been doing this for 30 years. And so I got very disillusioned and he kept telling me to watch movies by Fassbinder and Pasolini...

Zsuzsanna Kiràly: Had you heard of them before?

NS: I’d heard their names but I never actually sat down to watch their movies. I think I watched part of “The Bitter Tears of Petra von Kant”, but I didn't get through the whole thing. So then his theatre was really close to Kim's video store. After my internship I'd go around the corner to Kim’s and I would rent these movies and after a while I said, this is much more interesting than theatre. This was around ten years ago... so people were still going to small movies in the city. Now it's much more of a struggle to get people out to the movie theatres.

HB: Were you aware of the 90s independent filmmakers? Soderbergh, Tarantino, Haynes?

NS: I never considered the American movies to be art. I had this ideal of art, like Rimbaud. I thought you had to be this struggling artist, like Jean Genet. So I was more interested in films by Cocteau. When I got into school, people convinced me to watch “Boogie Nights”. I came to appreciate it. But it’s not like I was trying to emulate Tarantino or any of those people. I never thought of them as artists, I thought of them as people who were able to make money.

ZK: You remember what you liked in the poems? Do you see a relation to what you are writing about now and shooting?

NS: Yes, they are all about anxiety. With Baudelaire it's often the same theme or similar theme - that is, having anxiety or panic. That’s what I’ve always loved in art, from Edvard Munch to Strindberg to Baudelaire. And then with Rimbaud I love his idea of confession. I don't know if I’ve really brought that into my movies yet, but I do take a lot from my life. When he wrote “A Season in Hell” there is this wonderful confession. And that's maybe why I like to make these movies that draw so heavily on my life. I always loved the paintings of Brueghel, I loved his idea of the carnival of life. I love Michel de Ghelderode, he is a Belgian playwright who has the most grotesque plays imaginable. I guess it's kind of similar to what I said about wanting to be a 19th century poet, he kind of has this old school artist ideal of himself.

HB: For Baudelaire the city was very important and the character of the flaneur. I wouldn't say that your films are populated by flaneurs but I can see similarities. We may not see the city in every shot in your film, but we feel it in every image.

ZK: In “Soft in the head” you see the city very briefly. When she is walking...

NS: That's the one scene.

HB: That scene is almost liberating. We are outside and we follow her and we’re not in tiny rooms any more.

NS: This is one of the longest shots of the movie. She is just walking and walking. The first time she is walking at the beginning, we hold on it for a very long time. And then there is a long shot towards the end where she's dragging Maury down the hall and then you have her holding him. So I like these two bookends, you have her walking down the street and then have her going down this hallway, and it's a very claustrophobic hallway to boot.

ZK: It ends ambiguously. It feels like you want to play with us – is he dead or do you want to raise concern? And I personally really like the gentle gesture at the very end, I really really like that. How did it come about?

NS: I never intended him to be dead. I always have reference movies I take endings from and one of them is “Modern Times”. The ending of “Exit Elena” where she's walking away is straight out of “Modern Times”, you know what I mean? She is basically walking into the future. And then the other movie ending I love is “Belle de jour”. The man has been shot outside and he's paralyzed, she is taking care of him and then you hear the sleigh bells and he gets up from the chair and everything is fine. The idea of Maury moving his hand I always wanted... it's this artificial ending, it's almost a holy thing that he’s fine, that everything is okay. But it's more subtle than in Buñuel's ending.

HB: This reminded me also of Roberto Rossellini's films. Like the miracle ending in “Journey to Italy”.

NS: It's the exact same thing. I love endings like in “Pickpocket”, where he comes around and he says: “Oh Jeanne, how long did it take me to find you.” You don't expect that. It's almost like it has a certain holy quality to it. At the ending of “Fear Eats the Soul” you start to expect that too. But Ali passes out at the bar and he gets to the hospital and then you realize the vicious cycle is just going to continue. Fassbinder teases you with a potential miracle that they get back together and that everything will be okay, but then it’s not. That's something I'm thinking about for future films, like taking that miracle ending and twisting it again.

ZK: In this context your films have a very hopeful ending... Even though they seem very very desperate and confused at first.

NS: I'm very happy to hear that.

ZK: Thinking e.g. of the cat who is maybe better off with Elena .

NS: And also the cat is in the same situation as Elena. That is established at the beginning when my mother compares them. So it's this funny thing: now Elena and the cat are free but their future is uncertain. And that's what I love about the ending of “Modern Times”, it's bleak and at the same time it’s something of a happy ending. I know that Fassbinder was obsessed with the ending of “Suspicion”, which is another miracle ending. Because she thinks that he's going to kill her but then he explains everything and they are absolutely happy, but you know their relationship has been destroyed more or less.

ZK: You always have female characters as your leads. What you can express better with female characters than with male characters?

NS: It wasn't a conscious choice. With “Exit Elena” I knew I wanted to work with my mother and my girlfriend at the time and I knew I wanted to put them up against each other. Also whenever I watch movies I always find myself drawn, not like sexually drawn, but I find female characters much more interesting. With “Soft in the Head” it was Maury who was supposed to be the main character. But then after all the rehearsals and when we started shooting, it somehow became clear that Natalia was the way to connect the two worlds, the world of the homeless men and the world of the Orthodox Jews. She would be crazy to some degree but people still stick with her. I feel like when you have a male character who is in pain, it's very hard to stick with him. There's something interesting in the fact that people are a little more forgiving about madness with women than they are with men…it’s actually disturbing, come to think of it.

HB: Do you think this is something romantic?

NS: It might be. I don't know. That's maybe the way we are wired. We might think that women are more hysterical. This is not the truth. With Fassbinder for example women are technically allowed to express their emotions, whereas the male characters keep things bottled up. You think about the character of Hans in “Merchant of the four seasons”, he's all tension. Then you have female characters, like Petra von Kant who is also all tension but she expresses her emotional tension throughout in all sorts of ways.

HB: A lot of his films are about female characters who suffer.

NS: He is able to express something else and I think there is this vulnerability that is wonderful with all his female characters, and I admire and am drawn to that.
And maybe there is a connection to my mother, who is so much more vocal than my father on a lot of levels. I realize the way that she tells stories is the way I want to tell stories. She can't keep on track, she makes things a little absurd, it's not quite clear what she's after but she continues to tell the story. And I think that I took something away from that and I always apply that to my characters. And I also don't like manly men, I don't like the group in Cassavetes’s “Husbands”, I could never hang around those guys.

HB: Speaking of female characters, Lars von Trier said that he writes his characters first as male characters and then switches them to female. How do you create female characters?

NS: A lot of the time, I base the characters on the actors portraying the characters. I start talking to them about what I know about their life and then we create a character out of certain details and they make up some things in order to create a distance from who they actually are.

HB: Do you enjoy acting in your films? Or is it out of a necessity?

NS: It started with “Exit Elena”. I wanted to keep the cast and crew as small as possible and I also wanted someone who was like me. But I didn't want to have to deal with another actor, so I knew I was the only person who could play that character. And now in every movie I make, I either appear in it or there’s a character with my name.

HB: How did you work on set for “Exit Elena”? Especially with the cameraman?

NS: We spent the first week and a half shooting all the scenes before my character entered. So my cameraman and I knew how things were going. After each take we would re-watch the footage, a lot of the times without sound because I could remember what people said more or less. I wanted to see where the camera was at different moments. And then I would basically go in for inserts. We'd shoot long, long takes, like for an hour.

ZK: You just kept going?

NS: Yes. Kept going. In “Uncertain Terms”, I was supposed to have a larger part but I found it really hard to direct myself in this movie. And I don't know why, I just couldn't do it this time. And so I cut my character more and more. It was interesting because in “Exit Elena” I felt completely at ease. I knew the character well and what I wanted to do. I could direct a scene from within, I could push people's buttons. I could just push it in any direction I wanted to.

HB: For example in the card game scene in “Soft in the Head”, the actors didn't know who was filmed and who wasn't?

NS: It's a great way of doing it. I think a lot of directors do it that way, because it makes it feel like a situation instead of a set and you can then steal all these little moments. You can build something that actually feels like a documentary of a fictional situation. That's how I think about these movies, documentaries of fictional situations. I can craft all these elements and then just document them, instead of thinking about just setting all these things up and then setting up a camera and then capturing what I planned to capture. No! I will set a situation up and then figure out a way to float the camera through a situation and find little details that hopefully add up to something in the end.

ZK: You rely on the fact that the actors won't forget about these partially half-constructed situations from rehearsals, and at that point in the process you can let the moment happen or make it happen. Do you think this approach works with non-actors and actors alike? Or is it distinctively the mix of non-actors and actors that makes that possible?

NS: After a while everyone gets on the same level. At first everyone is all over the place, but after a few days on set people start to understand what it's all about. I can’t impose that. It's just about people actually living through these situations and that is the thing about tight shooting schedules. It's harder to have that come together because you need at least three days for people to warm up to the movie. And that's usually why I don’t use any footage from the first day of the shoot.

HB: How many days do you usually shoot?

NS: They're all around like 15 days. And then two or three days of pick-ups. That's not that much time, but there is always that first day, which I never use the footage from. So ideally in the future I'd like to set up a week where we would just shoot scenes, I don't know if they're going to end up in the movie or not, and we might have to reshoot them but everyone is getting on the same page. They would be the scenes which have the most characters together in the same place. So everyone starts to get an idea of how it's going to be. But rehearsals... people don't put as much into rehearsals as they do into the actual shoot. So I’d like to have a week where I shoot simply to get the movie on the right footing. That's how I would schedule it. And that's what money would give me…

ZK: Yeah, money always gives you time.

NS: I don't care about equipment, I just want more time so that people would be able to get acclimated.

HB: Would you like to shoot in chronological order?

NS: That would be great. But it's not possible with the budget and schedules I have currently. It would also mean that the movies would start off terribly because of those first awful days.

HB: And what about sets and locations?

NS: “Soft in the Head” was shot in my apartment and “Exit Elena” was shot mostly in my parents’ house. “Uncertain Terms” was shot in my parents’ new house. So it's always about availability, availability to go back to do reshoots. If you have to pay money in order to get a location in the States, you need to have insurance and have to be in and out at a certain time, so it just makes everything a pain in the ass. Filmmaking is emotional, the story is the emotion. It doesn't really matter where it takes place as long as the characters’ insanity is coming through. Good sets might add something to it, but right now, without the budget to do that, I would rather shoot in my apartment instead of shooting those scenes in potentially more fitting spaces but with more restrictions.

HB: In “Soft in the Head” most of the shots are focussed very tight. Did you plan that before?

NS: Oh no, not at all. The first day of shooting there were wide shots on tripods. But then at one point, the DP and I acknowledged the tripod wasn’t working, so we went handheld. When we started shooting scenes in the apartment there were 3 cameras going and whenever we went wide a camera guy would be in the shot. We had to just have it very tight. And it worked for this claustrophobia. That sort of dictated every decision because we realized that that was the atmosphere of the movie.

HB: When did you decide to use CinemaScope? Your first film was 4:3.

NS: I think 16:9 is just mediocre. Either it has to be square or CinemaScope. I don't know what it is. I want to like 16:9 but it just doesn't feel like anything to me. But I’ve had a lot of arguments with people about it, that CinemaScope is for shooting landscapes etc, but I just have no feeling for 16:9. I think it's a useless shape, I don't like it. I love 4:3. My most recent feature “Stinking Heaven” was shot in 4:3 and we used an old analogue video camera.

HB: I'm surprised how few people use this format nowadays.

NS: Bujalski in “Computer Chess” used it. And Gus van Sant in “Paranoid Park”. I don't watch movies when I'm done with them. But there are certain screenings of “Exit Elena” where I pop my head in just to see it on the screen, because it's so off-putting to see 4:3 on a big screen, like it should not be projected. That movie was shot on standard DV. It has the feeling of a home movie, it's funny to see it projected in theatres. I almost feel like I should destroy all the links online and just have it shown in theatres, because it's almost anti-cinema.

ZK: Could you ever shoot something where there are no people in the frame?

NS: No! I don't think so. I hate going to cutaways. I hate coverage. If you shoot without coverage then you’re shooting what you think is necessary, not what people think is safe.

HB: And it's also a different way of editing.

NS: Yeah. You're forced to make decisions you wouldn’t have made. You're forced into these corners. I think you should shoot without coverage. (laughs)

HB: You said you cut out a lot of material of „Uncertain Terms“. When I watched the film again I was struck by how fast the film is. Some scenes are barely two seconds long.

NS: I worked with Cody again who edited „Exit Elena“ and „Soft in the Head”. It's always about what works and you get rid of the rest. I always think of that quote from Pialat's editor, about how if he didn't like a scene he just cut it out. Even if this made a hole in the story, he didn't care. The pace is also dictated by the fact my movies aren’t scripted, so they might meander a bit at times, and you have to keep up pace. You don't want to lose the audience so you keep the movie moving.

ZK: How do you prepare the shots with the cameraman?

NS: „Uncertain Terms“ was shot with two cameras and because Cody is both the cinematographer and editor, he knew what we needed for the edit in order to make it work. So we would grab shots for each character. Usually we would start by focusing on the most important characters for the scene and then go in and grab reaction shots of the others.

ZK: How do you position the two cameras in the space, from wide to close-up shots?

NS: It depends how big the space is. In „Soft in the Head“ we would usually have one camera doing wider shots and one doing close-ups.

ZK: „Uncertain Terms“ opens up to the world around. There are many more exteriors, there’s more air coming in. It seems the characters can breathe more, even if sadness resonates around them. The whole setting, with the forest surrounding the house feels isolated in a very quiet way. The film feels in general a bit more toned down...

HB: The camera also feels much calmer.

NS: To be honest we shot some scenes with the girls that were more hectic and that hectic quality just didn't work in the edit. So all the scenes that have that hectic pace and tension didn't fit eventually. We tried to force it and tried to get some more force in the house, but in the end it didn't work.

ZK: Are the chapters a kind of signature style of yours in editing?

NS: I like chapters a lot. Yes.

HB: Which brings us back to literature.

NS: Yes, that's true. In my short film “Anecdote” I would fade to white and a narrator would talk about the characters. I think I stole that from “Querelle”. I remember Fassbinder saying that in order to keep the audience awake he would go to white with black font instead of black with white font. As if to shock the audience awake. And of course “Querelle” is an adaptation of a book and it's very literary. That's the movie which most influenced “Anecdote” and led me to use chapters. Whenever I start a new project, I usually search through novels to get ideas.

ZK: Literature is a huge influence, but you once said, that you don't like to write a script. Do you write for yourself but then don't use it for your films?

NS: Mhmm... I write outlines. And they're a pain in the ass, I hate writing at this point. I used to love writing but now it all goes into filmmaking. It’s not like I'm not obsessed with images, though. I’m not trying to be Tarkovsky. When you are writing holed up in your apartment, it's like a prison. I'd rather be out with people talking to them and seeing crazy things going on. I like the fact that Pialat started off as a painter but his movies are not very painterly and his images are often quite plain. I like that. He has moments which are just beautiful but not in classic way. Watching his films, it’s not like you’d immediately know that he had studied fine arts.

ZK: What attracts you to people and makes you wish to have them in your film?

NS: I guess the people I cast remind me of someone I’ve known or someone who could be part of my life. Sometimes I don’t know what that is or why that is, but I just find myself attracted to these people.

ZK: Speaking about language. In your films it is a lot about what people say more than about how and with which specific words. Nevertheless I have been wondering if you ever tell the actors exactly what to say, or if they always improvise?

NS: When I cast people I don’t want to have to hold their hand through the movie. I just want them to be able to speak freely. In the beginning I found directing very frustrating. I thought everything had to be done in a sure-handed, meticulous way. Now that does not interest me at all. I find it completely boring. I don’t want to shoot things the way they are in my head. My movies are about capturing the insanity of life.

ZS: The title „Uncertain Terms“ describes the state of all your films very well.

NS: Absolutely.

HB: We talked about the endings, but what about the beginnings? In the first sequence in „Uncertain Terms“ we follow a young woman through the woods. The moment when she turns to the camera and we see that she is pregnant is quite striking. Can you talk about this opening shot?

NS: Basically what happened is that we shot for 14 or 15 days during the summer and then we edited it and we realized that we had to cut out a whole chunk of the movie, of the story. So we rewrote certain scenes and went back for pickups. We knew we wanted to start with her walking in the woods. It was Chloe Domont’s idea, she thought this was the sharpest way to get into the movie. All my films open in the middle of things and we have to figure out where we are and what's happening. I think this new film has a more classical structure than „Exit Elena“ or „Soft in the Head“, but we still have to look for clues as to what this is, where we are, who to follow.

HB: And the films end also in the middle of something.

NS: Yeah. I like this idea. Someone said to me that there are no beginnings or endings in my movies. So you can watch them all, one after the other, and it’s like a collection of slices of life and in the end there will be potentially a pie.

ZK: There are always two people in the last image, they’re never alone.

NS: Yes, that's true. Although in my newest film, „Stinking Heaven“, that's not true.

HB: „Uncertain Terms“ is based in part on your mother's life and also on the interest of your co-writer.

NS: My mother, when she was 15, got pregnant and was sent off to a home like we see in the film. In reality, it was much more like a prison. In „Uncertain Terms“ we wanted my mother to run a home that is more like a make-shift facility for these girls to give them what she didn't have in her real life. The fact that Chloe always wanted to make a film about pregnant teenagers worked very well with the story of my mother. Initially it was only about one pregnant teenager with whom my character comes home and my mother taking care of the baby. That’s the origin of the movie that I almost completely forgot until the lead actor, David, reminded me at a festival recently. The funny thing about the movie is that it is constructed like a melodrama - the construction is artificial. You have this character who should not be there entering the situation and really causing disorder in the house.

ZK: I like your mother in the film. She develops along with your films, we get to see a calmer facet of her.

NS: In „Exit Elena“ we were reenacting something that had happened to a certain degree in our life. With „Uncertain Terms“ she acted a part she hadn't lived – she never ran a halfway house. And here she is much more tender, because she is looking after all these wounded teenagers. Also, there is no husband figure to argue with. In fact the only person she has to argue with is my character. She is not a trained actor but she reacts to whatever is put in front of her. She is a natural actress.

ZK: You said that you are constantly improving and rethinking your working process. About „Stinking Heaven“ you were saying on another occasion, that you were shooting and editing at the same time. Could you talk a little more about that?

NS: With my new film „Stinking Heaven“ we decided to shoot four days a week, edit for three, shoot for four, edit for three. I didn't have a day off which was great but at the same time I thought I was going to lose my mind. We rewrote the outline according to how the edit was going. I'd say, as I go on making movies, I would like to have three days of shooting, and four days editing.
Now I'm working on a project that I'm scripting, there will be improvisations but basically we're going to work off a script. I always react against the last project. With „Uncertain Terms“ I was reacting against „Soft in the Head“ which was a lot of improvisation. „Uncertain Terms“ was much more scripted. I then made „Stinking Heaven“ which was a lot more improv, a lot more chaos, a lot more insanity. And now I'm reacting to that with a script. It’s about constantly reacting to yourself, fighting against yourself... like a healthy relationship. I guess I feel right now that movies are my wife.

ZK: It's a way of shooting that's not very common and it's certainly not for everyone.

NS: It's giving yourself over completely to the movie rather than dictating what to do. Because I feel sometimes that people are too adamant about making something that is their so-called vision. I mean your vision comes to you naturally. People talk about control, about storyboarding. And that's fine, if that's how you see the world and if that's how you have to deal with the world. I don't understand the world, I don't understand how people are going to react in a certain situation. I want to show the hectic qualities of being a human rather than a constructed quality that I see in movies and that's what I'm after in the end.

Nathan Silver (filmmaker, USA)
in conversation with Hannes Brühwiler and Zsuzsanna Kiràly
(first published in Revolver, Zeitschrift für Film #32, May 2015)

Montag, 21. September 2015

KINO-ATLAS 1: L.A. REBELLION

Hinweis auf die Aktivitäten der Mitglieder...

Keine Geschichtsschreibung ohne Kategorien. Intervention in Geschichtsschreibung heißt: Kategorienverschiebung. Die mehrteilige Reihe Kino-Atlas, die Lukas Foerster und ich kuratieren und die nun Ende September im Österreichischen Filmmuseum beginnt, geht von der Idee aus, dass Kino etwas mit Gruppierung zu tun hat. So wie ein einzelner Film für gewöhnlich nur zustande kommt, wenn eine Gruppe von Menschen sich über einen begrenzten Zeitraum an einem spezifischen Ort versammelt, gruppieren sich die Filme selbst um soziale Konstellationen: als „Neue Wellen“ in Paris, Tokio oder Taipeh, aber auch als freundschaftlicher Zusammenhang an einer Filmhochschule, als politische Zweckgemeinschaft oder als Produktionseinheit in einem Studiosystem.


Nimmt man solche Formen der Sozialisation als die Grundeinheit der Kinos, so wird der Blick frei auf eine Filmgeschichte, die nicht von National-Kinematografien ausgeht und trotzdem die historische „Verräumlichung“ von Kinopraktiken anerkennt; die nicht dem auteuristischen Geniekult huldigt und doch interessiert ist an den Spuren des Individuellen, die sich ins filmische Bild eintragen; die Stil nicht als formalistisches Abstraktum fasst, sondern als Kondensat eines jeweils spezifischen In-der-Welt-Seins

Passing Through (Larry Clark, 1977)

L.A. REBELLION: Creating a New Black Cinema
Das erste Kapitel des Kino-Atlas: die L.A. Rebellion. Ausgangspunkt war ab Mitte der 1960er Jahre die UCLA Film School, wo sich eine Gruppe schwarzer Studenten zusammengefunden hatte, die nach ästhetischen und politischen Alternativen nicht nur zu Hollywood, sondern auch zu den geläufigen Formen des Autorenkinos ihrer Zeit suchten. Das Kino der L.A. Rebellion entstand in direktem Anschluss an die sozialen Kämpfe jener Jahre – die Civil-Rights-Bewegung, die Watts-Unruhen 1965 – sowie in (kritischer) Auseinandersetzung mit den avancierten Strömungen des nationalen wie internationalen Independent-Kinos.

Soweit sie überhaupt noch ein Begriff ist, wird die L.A. Rebellion heute meist auf wenige Namen – Charles Burnett, Haile Gerima, Julie Dash – verkürzt. Ein umfangreiches Restaurierungsprojekt der UCLA hat es nun möglich und notwendig gemacht, sie dem Friedhof der vergessenen Avantgarden zu entreißen. Dabei wird der Blick frei auf eine sehr viel größere Gruppe von Filmemacher/inne/n (und andere minoritäre Arbeitskontexte, etwa von hispano-amerikanischen oder asiatisch-stämmigen Studierenden); auf ein filmästhetisches Spektrum, das sich keineswegs im Neorealismus erschöpft, das auch wütende Agitation und hochreflexive Introspektion umfasst; und auf einen diskursiven Raum, der weit über die Grenzen dessen hinaus weist, was heute gemeinhin unter „Indie-Kino“ verstanden wird.

Die Retrospektive findet vom 24. September bis 8. Oktober im Österreichischen Filmmuseum statt. Das Programm findet sich hier

Ein Großteil des Programms wird zudem im November im Arsenal in Berlin zu sehen sein.

(eingestellt von Hannes)

Mittwoch, 16. September 2015

HISTORIAS EXTRAORDINARIAS

Im Rahmen der Filmreihe Nuevo Cine Argentino gibt es eine vorerst letzte Gelegenheit, den im wahrsten Wortsinne fantastischen Film "Historias Extraordinarias" zu sehen. Der Film wurde vom Filmemacher Kollektiv El Pampero Cine über vier Jahre mit Freunden an Wochenenden gedreht. Mariano Llinás ist gleichzeitig Autor und Regisseur und spielt mit Agustín Mendilaharzu, der auch die Kamera gemacht hat, und Walter Jakob die drei Hauptrollen. Laura Citarella, die gerade mit ihrem Film "La mujer de los perros" unterwegs ist, hat produziert.




Für mich einer der spannendsten Filme der letzten Jahre, sowohl was seine Produktionsgeschichte als auch was die filmische Erzählung angeht. Zu keinem Zeitpunt hat man das Gefühl zu wissen, was als nächstes passiert. Freitag, 18.9.15 um 19.30 Uhr in der schwangeren Auster (HKW).



franz

Dienstag, 8. September 2015

REVOLVER LIVE! (46) IN PARIS: DENIS LAVANT + ADOLF WOHLBRÜCK/ANTON WALBROOK

Am Samstag, den 10. Oktober 2015 wird sich [Revolver-Mitherausgeber] Christoph Hochhäusler – zusammen mit Sandra Hüller – in einem Revolver Spezial Paris* zwei komplementären Ausnahmeschauspielern widmen: Denis Lavant und Adolf Wohlbrück/Anton Walbrook (1896-1967). 


 
    Denis Lavant in BOY MEETS GIRL, HOLY MOTORS.

Lavants Spiel oszilliert zwischen Archaik und Punk; als brute force ist er synonym mit den Filmen von Carax (BOY MEETS GIRLMAUVAIS SANGLES AMANTS DE PONT-NEUFHOLY MOTORS), aber auch in Claire Denis' Legionärs-Ballett BEAU TRAVAIL oder Harmony Korines MISTER LONELY hat er einen starken Eindruck hinterlassen. In einem Revolver Live! (Cinéma L'Arlequin, 11 h) wird ihn Christoph Hochhäusler zusammen mit Sandra Hüller zu seiner Arbeit, seiner Methode befragen.



 
    Anton Walbrook in THE RED SHOES, LA RONDE.

Wohlbrück/Walbrook war ein unnachahmlicher Melancholiker der Verführung. Früh festgelegt auf den eleganten Aussenseiter, den exzentrischen Künstler, dessen Verfeinerung mitunter in Perversion umschlägt, hat er es als einer der ganz wenigen deutsch-jüdischen Schauspieler geschafft, dem NS-Regime zum Trotz seine Karriere ausserhalb Deutschlands fortzusetzen, und das in drei Sprachen: in England brillierte er in Filmen von Powell & Pressburger (THE RED SHOESTHE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP) und Thorold Dickinson (GAS LIGHTQUEEN OF SPADES), in Frankreich spielte er u.a. bei Max Ophüls (LA RONDE, LOLA MONTEZ). 

Nach der Vorführung von Max Ophüls' großem LA RONDE (Cinéma L'Arlequin, 13.30 h), in dem Walbrook den Erzähler gibt (eine Figur, die in der literarischen Vorlage fehlt) wird der Filmhistoriker und -Kritiker Pierre Eisenreich eine biografische Einführung geben. Danach werden Eisenreich und Hochhäusler – auch anhand von Video-Beispielen – über Walbrooks charakteristisches Spiel sprechen.



DENIS LAVANT

Der Schauspieler Denis Lavant im Gespräch mit Christoph Hochhäusler und Sandra Hüller.

Am Samstag, den 10. Oktober 2015 um 11 h im Cinéma L'Arlequin, Paris.

Das Gespräch wird auf Deutsch und Französisch stattfinden. 

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HOMMAGE ADOLF WOHLBRÜCK/ANTON WALBROOK (1896-1967)

Einführung von Filmhistoriker und -kritiker Pierre Eisenreich. Vorführung des Films LA RONDE (Max Ophüls, Frankreich 1950). Danach Diskussion anhand von Videobeispielen. Mit Pierre Eisenreich, Sandra Hüller und Christoph Hochhäusler.

Am Samstag, den 10. Oktober 2015 um 13.30 h im Cinéma L'Arlequin, Paris.

Das Gespräch wird auf Deutsch und Französisch stattfinden. 



*) Im Rahmen des 20. Festivals du Cinéma Allemand, in Zusammenarbeit mit Gisela Rueb / Goethe Institut Paris, die den Schauspiel-Schwerpunkt initiiert hat.

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DER GAST:

Denis Lavant
Geb. 1961 in Neuilly-sur-Seine. Schauspieler. Sammelte als Teenager erste Erfahrungen im Straßentheater und nahm anschließend Schauspielunterricht am Paris Conservatoire bei Jacques Labsale. Diverse Theaterarbeiten. Filme (Auswahl): „Boy meets Girl” (Leos Carax, 1984), „Mauvais Sang” (Leos Carax, 1986), „Les amants du Pont-Neuf” (Leos Carax, 1991), „La partie d'échecs” (Yves 
Hanchar, 1994), „Beau travail” (Claire Denis, 1999), „Tuvalu” (Veit Helmer, 1999), „Mister Lonely” (Harmony Korine, 2006), „I'm Not a F**king Princess” (Eva Ionesco, 2010), „Holy Motors” (Leos Carax, 2012), „Michael Kohlhaas” (2013, Arnaud des Pallières).



IM GEISTE ANWESEND:

Adolf Wohlbrück/Anton Walbrook
Geb. 1896 in Wien, gest. 1967 in Garatshausen. Sohn des Hamburger Zirkusclowns Adolf II. Wohlbrück. Sprössling einer Familie mit langer Schauspieltradition. Nach dem Besuch einer Klosterschule in Wien und dem Gymnasium in Berlin nahm er Schauspielunterricht bei Max Reinhardt. Im Ersten Weltkrieg gründete er in französischer Gefangenschaft das Ascher Gefangenschaftstheater. Nach dem 1. Weltkrieg an verschiedenen Bühnen in München, Dresden und Berlin. Aufgrund seiner Homosexualität (und seinem Status als „Halb-Jude” nach den NS-Gesetzen) emigrierte er 1936 über Frankreich und Hollywood nach England und arbeitete dort als Anton Walbrook. In dieser Zeit setzte er sich aktiv für jüdische Schauspieler und ‘nichtarische’ Angehörige deutscher Schauspieler ein, finanziell oder indem er ihnen die Wege zur Flucht ebnen half. 1947 nahm er die britische Staatsbürgerschaft an. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte er auch wieder auf deutschen Bühnen, so 1951 in Düsseldorf unter Gustav Gründgens, später in Hamburg und Stuttgart. 1967 erhielt er das Filmband in Gold für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film. 

Filme (Auswahl): „Marionetten” (1915), „Mater Solorosa” (1922), „Der Fluch der bösen Tat” (1925), „Salto Mortale” (1931), „Der Stolz der Dritten Kompanie” (1931), „Drei von der Stempelstelle” (1932), „Die fünf verfluchten Gentlemen” (1932), „Melodie der Liebe” (1932), „Walzerkrieg” (1933), „Viktor und Victoria” (1933), „Keine Angst vor Liebe” (1933), „Die vertauschte Braut” (1934), „Maskerade” (1934), „Die englische Heirat” (1934), „Eine Frau, die weiß was wie will” (1934), „Regine” (1935), „Zigeunerbaron” (1935), „Ich war Jack Mortimer” (1935), „Der Student von Prag” (1935), „Der Kurier des Zaren” (1935), „Allotria” (1936), „Port-Arthur” (1936), „The Soldier and the Lady” (1937), „Victoria the Great” (1937), „The Rat” (1937), „Sixty Glorious Years” (1938), „Gaslight” (1940), „Dangerous Moonlight” (1941), „49th Parallel” (1941), „The Life and Death of Colonel Blimp” (1943), „The Man from Morocco” (1945), „The Red Shoes” (1948), „Queen of Spades” (1949), „La Ronde” (1950), „König für eine Nacht” (1950), „Wiener Walzer” (1951), 1955 „Lola Montez”, „Saint Joan” (1957), „I Accuse!” (1958).



DIE MODERATOREN:

Christoph Hochhäusler 
Geb. 1972 in München. Autor, Regisseur. Revolver-Gründer und Mitherausgeber. Studium: Architektur an der TU, Berlin; Filmregie an der HFF, München. Filme (Auswahl): „Milchwald“ (2003), „Falscher Bekenner“ (2005), „Séance“ (Kurzfilm, Teil des Omnibusfilmes „Deutschland ’09“), „Unter Dir die Stadt“ (2010), „Eine Minute Dunkel“ (Teil der Trilogie „Dreileben“, zus. m. Christian Petzold und Dominik Graf, 2011), „Die Lügen der Sieger“ (2014).

Sandra Hüller
Geb. 1978 in Suhl. Schauspielerin. Studium: Hochschule für Schauspielkunst „Ernst-Busch”, Berlin. Engagements in Jena (Theaterhaus), Leipzig (Schauspiel), Basel (Theater), Berlin (Volksbühne u.a.) und München (Kammerspiele). Filme (Auswahl): „Madonnen” (Maria Speth, 2005), „Requiem” (Hans-Christian Schmid, 2006), „Anonyma” (Max Färberböck, 2008), „Brownian Movement” (Nanouk Leopold, 2010), „Über uns das All” (Jan Schomburg, 2011), „Finsterworld” (Frauke Finsterwalder, 2013), „Vergiss mein Ich” (Jan Schomburg, 2014), „Amour Fou” (Jessica Hausner, 2014), „Toni Erdmann” (Maren Ade, 2016).

Pierre Eisenreich
Filmhistoriker, Filmkritiker für Positif und andere.


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