Mittwoch, 17. Juni 2015

BUENOS AIRES

Wenn es einen Ort gibt, an dem Kino als Volkskunst - oder wem das zu deutsch ist - Folk Art existiert, dann ist das wohl zur Zeit Buenos Aires.

Filme wie die von José Campusano habe ich noch nie gesehen. Er dreht mit Freunden und Menschen, die er dann wiederum über seine Freunde kennenlernt, in der Vorstadt, wo er lebt. An Orten, wo es hart zugeht, wo Codes eine große Rolle spielen. Campusano setzt dem etwas entgegen. Es geht ihm vor allem darum, dass die Menschen gut miteinander umgehen im Leben und in der Arbeit. Herausgekommen ist ein umwerfender Film: Fango.



Ich habe auch noch nie einen Menschen getroffen wie Campusano. Ein blätterloser Baum eher. Ein Wurzelgesicht. Sein Film hat etwas wunderbar animistisches. Brutal auch, aber ohne den Effekt: Cine Bruto. Gleichzeitig so raffiniert wie ein Film von Rohmer. Wir werden versuchen, diesen Film nach Berlin zu holen. Und vielleicht noch andere. Campusano & Co drehen drei Filme im Jahr.



(ein weiteres Beispiel für Nics Reihe „Regisseure und ihre Hauptdarsteller“)

 
El Pampero Cine – fast noch verblüffender, weil eigentlich ein bürgerliches Kollektiv, bestehend aus Agustín Mendilaharzu, Laura Citarella, Alejo Moguillansky und Mariano Llinás, die aber, und das habe ich erst jetzt bei meinem Besuch begriffen, ebenfalls dem gängigen Kino (und damit sind sowohl Mainstream als auch das sogenannte World Cinema gemeint) widersprechen, wo sie nur können. Und nicht nur dem Kino, sondern auch dem Theater, der Performance, dem Tanz, der Musik. Wenn etwas en vogue ist, dann werden sie ganz sicher etwas machen, das sich darüber lustig macht. Dabei haben diese Filme aber auch eine eigenartige Tiefe und - was sie mit der Arbeit von Campusano verbindet - sie sind urargentinisch. Nur haben sie ihre Wurzeln bei besser betuchten Freidenkern, bei Borges, bei argentinischen Surrealisten, Dichtern und Musikern. Nichts belehrendes haben sie, sondern sind frech wie Godard zu seinen besten Zeiten und melancholisch wie Truffaut. Einfach toll, dabei zuzuschauen, wie dieses Kollektiv wächst und wächst und längst auch jüngere Generationen mitnimmt, vormacht, wie man einen viereinhalbstündigen „Historias Extraordinárias“ über vier Jahre an Wochenenden mit Freunden dreht. Dass zu diesen Freunden auch berühmte argentinische Schauspieler und Tänzer und Sänger gehören, ist klar. Denn wer würde nicht mitmachen wollen, bei so einem wild verspielten Spaß.


Dabei scheißen sie auf die üblichen Filmfinaziers (inklusive des INCAA), wie sie sich ausdrücken, drehen ihre Filme für 2 oder 3 Tausend Dollar. Das ist in Argentinien aber auch genau deshalb möglich, weil die Filmförderung eben ganz anders funktioniert. Nämlich so ähnlich, wie die kleine Förderung des Filmbüro NW, der man vor ein paar Jahren einen ähnlich schlimmen Namen verpasst hat wie der Sozialhilfe, nämlich: Förderung Produktion II.
Entscheider sind in den argentinischen Fördergremien immer auch Filmemacher. Es kommt häufig vor, dass Filmemacher ihren Film drehen und danach erst Förderung beantragen. Es ist aber auch möglich, einen Antrag zu stellen, der aus 10 Seiten Voice Over besteht. Der Film, der dabei herausgekommen ist, heißt Balneários von Mariano Llinás. Sein erster Film. Dass man in Argentinien keine Regionaleffekte erfüllen muss, versteht sich von selbst. Alles Dinge, die für die Novellierung des Filmfördergesetzes interessant wären. Denn die argentinische Filmlandschaft ist in alle Himmelsrichtungen lebendig und vital und verkauft sich aus diesem Grund erstaunlich gut.

Einen wollte ich noch erwähnen, weil er zu den Leuten gehört, die sich gut im „World Cinema“ zurecht finden und darin auch zu Recht ihren Platz haben:
Die Begegnung mit Lisandro Alonso und seinem Film Fantasma. In dem Film sucht der Hauptdarsteller seines zweiten Films („Los muertos“) in dem modernistischen, aber heruntergekommenen und, abgesehen von ein paar gespensterhaften Gestalten (Vorführer, Kinoleiter, ein anderer Schauspieler (aus „La libertad“)), menschenleeren Teatro San Martin den Kinosaal, in dem „Los Muertos“ aufgeführt wird, um dann dort zunächst als einziger Zuschauer sich selbst auf der Leinwand zuzusehen. Fantasma wurde im Teatro San Martín gedreht, dort, wo unsere deutsch-argentinische Reihe und damit auch Fantasma gezeigt wurde! (Vielleicht kann der ein oder die andere sich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als ich in der spärlich besuchten Nachmittagsvorstellung saß und dabei mir (und dem Protagonisten auf der Leinwand zusah, (der seinerseits sich selbst auf der Leinwand zusah)): Kris Kelvin irrt über die Raumstation Solaris und begegnet Flann O’Briens drittem Polizisten.) Nichts als Erinnerungen. Das Ende einer Filmabspielform.

 

Und ganz am Schluss noch eine Vorankündigung, weil ich Martín Rejtman auch kurz getroffen habe nach der Vorführung von „Der Wald vor lauter Bäumen.“ Sein neuer Film „Dos Disparos“, über den ich viel gehört habe, läuft auf dem Filmfest München, aber auch open air am 5. Juli im MAK in Köln und am 8. Juli um 19.45 Uhr in Berlin fsk in Kreuzberg. 

Abrazo de Buenos Aires * Franz

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